Claudia Stegemann erlebt in ihrer Arbeit immer wieder dasselbe Phänomen: Fachlich brillante Führungskräfte geraten ins Straucheln – nicht wegen fehlender Kompetenz, sondern wegen mangelnder Selbstführung. In einer Arbeitswelt voller Druck, Tempo und permanenter Veränderung reicht Expertise allein nicht mehr aus. Wer andere führen will, muss zuerst sich selbst klar steuern können.
Im Interview mit Lady Business spricht Claudia Stegemann über emotionale Selbstregulation, Stressmuster und die unterschätzte Kraft innerer Klarheit. Sie zeigt, warum Resilienz, Selbstwirksamkeit und bewusste Führung heute echte Wettbewerbsvorteile sind und weshalb besonders Frauen in Verantwortung lernen dürfen, wirksam zu führen, ohne sich selbst zu verlieren.
Claudia Stegemann im Interview
Warum beginnt wirksame Führung immer bei der Selbstführung?
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder hochkompetente Menschen, die fachlich exzellent sind und trotzdem im Führungsalltag an ihre Grenzen stoßen. Nicht, weil sie zu wenig wissen, sondern weil sie sich selbst zu wenig Raum geben.
Ich sehe, wie Führungskräfte innerlich unter Druck stehen, eigene Unsicherheiten verdrängen oder im Autopiloten agieren und diese Dynamiken – oft unbewusst – an andere weitergeben.
Um aus diesem Hamsterrad heraus zu finden hilft es, die eigene innere Navigation bewusst wahrzunehmen : Was treibt mich an? Was kostet mich Energie? Wie gehe ich mit Erwartungen, Konflikten oder Unsicherheit um?
Es betrifft die emotionale und kognitive Selbstregulation, also das bewusste Lenken von Aufmerksamkeit, Energie und Motivation.
Selbstführung basiert auf drei inneren Ressourcen:
- Selbstbewusstsein: Sich der eigenen Werte, Gedanken und Emotionen bewusst zu sein.
- Selbstwirksamkeit: Der Glaube daran, durch eigenes Handeln Einfluss nehmen zu können.
- Selbstregulation: Die Fähigkeit, Impulse, Emotionen und Denkmuster aktiv zu steuern.
Je mehr Klarheit Führungskräfte über ihr eigenes Denken, Fühlen und Handeln haben, desto souveräner können sie andere begleiten. Oder wie Peter Drucker es treffend formulierte:
You cannot manage other people unless you manage yourself first.
Für mich ist das kein theoretischer Leitsatz, sondern gelebte Praxis. Selbstführung ist die Grundlage jeder wirksamen Führung.
Was verändert sich, wenn Führungskräfte ihre eigenen Grenzen ernst
nehmen?
“Sie können nur aus einem vollen Gefäß schöpfen.” (Bernhard von Clairvaux)
Wenn Führungskräfte beginnen, ihre eigenen Grenzen ernst zu nehmen, verändert sich vor allem eines: die Qualität ihrer Führung. Viele meiner Kund:innen haben gelernt, Stärke mit Durchhalten gleichzusetzen. “Da muss ich noch durch – danach wird es schon wieder besser”.
Gerade engagierte Führungskräfte und besonders viele Frauen neigen dazu, Verantwortung zu übernehmen, Spannungen auszuhalten und eigene Bedürfnisse hintenanzustellen.
Langfristig führt dieses Muster jedoch zu Erschöpfung, innerer Distanz oder reaktivem Führungsverhalten. Führungskräfte, die ihre Grenzen wahrnehmen und akzeptieren, werden klarer, ruhiger und präsenter. Sie treffen bewusstere Entscheidungen und kommunizieren verbindlicher.
Grenzen ernst zu nehmen bedeutet nicht, weniger leistungsfähig zu sein, sondern verantwortungsvoller. Wer gut für sich sorgt, sendet auch ein starkes Signal an sein Umfeld: Selbstverantwortung ist erlaubt. Das schafft Vertrauen, Orientierung und psychologische Sicherheit im Team. Grenzen sind kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Führungsreife.
Welche Rolle spielt Stressmanagement für nachhaltigen Erfolg?
Unter Druck greifen Menschen automatisch auf vertraute innere Strategien zurück – etwa Perfektionismus, hohes Verantwortungsgefühl oder Harmonisierungsdrang.
Diese Muster sind unbewusste, oft frühkindlich erlernte Verhaltensweisen, die für uns in der Vergangenheit hilfreich waren. Sie können uns aber auch blockieren und wirken gerade in komplexen Führungssituationen schnell dysfunktional.
Stress ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Nach Lazarus & Folkmann ist Stress das Ergebnis einer subjektiven Bewertung von Anforderungen und von der Person wahrgenommenen Möglichkeiten (Ressourcen) zur Bewältigung der Anforderungen.
Wenn Sie zu dem Ergebnis kommen, dass Sie einer Aufgabe oder Anforderung nicht gewachsen sind, entsteht unproduktiver Stress. Führungskräfte, die ihre eigenen Stressmuster nicht kennen, geben Druck häufig unbewusst weiter – über Tempo, Tonfall oder implizite Erwartungen.
Nachhaltiger Erfolg entsteht durch die Fähigkeit, seine eigenen Muster zu hinterfragen und seine Ressourcen zu stärken. Erst dann wird es gelingen, flexibel auf herausfordernde Situationen zu reagieren und eine Balance zwischen Anspannung und Entspannung zu finden.
Gleichzeitig schaffen Führungskräfte, die ihre Emotionen und Reaktionsmuster kennen, Räume des Vertrauens, in denen Mitarbeitende ihre Potenziale entfalten können. Es entsteht eine Umgebung, die resiliente Teams hervorbringt – Teams, die nicht nur Krisen meistern, sondern durch Innovationskraft bestechen.
Doch diese Teamresilienz beginnt bei der Selbstführung jedes Einzelnen und im Besonderen bei der Selbstführungskompetenz der jeweiligen Führungskraft.
Stressmanagement und Resilienz sind deshalb keine privaten Wohlfühlstrategien, sondern zentrale Kompetenzen in einer komplexen Welt.
Claudia Stegemann: Selbstführung als Schlüssel moderner Leadership-Kultur
Warum reicht fachliche Kompetenz für moderne Führung nicht mehr aus?
Fachliche Kompetenz ist nach wie vor wichtig – sie ist oft der Grund, warum Menschen überhaupt in Führungspositionen kommen. Doch Führung ist kein Expertenjob, sondern in erster Linie Beziehungsarbeit. Moderne Führung findet in einem Umfeld statt, das von Unsicherheit, Komplexität und permanentem Wandel geprägt ist.
In solchen Kontexten suchen Mitarbeitende weniger nach perfekten Antworten als nach Orientierung, Klarheit und Haltung. Zwischenmenschliche Fähigkeiten sind entscheidend geworden, um Mitarbeitende zu motivieren und Ergebnisse in unseren Zeiten zu sichern.
Eine globale Studie der Boston Consulting Group mit über 11.000 Führungskräften hat gezeigt, dass Unternehmen, deren Führungspersönlichkeiten eine hohe emotionale Intelligenz und Selbstführungskompetenz aufweisen, bis zu 27 Prozent produktiver sind.
Damit wird die Fähigkeit zur Selbststeuerung zu einem entscheidenden
Wettbewerbsvorteil. Der Fokus hat sich von der Frage “Wer ist der beste Experte” hin zu “Wer kann das Potenzial der Mitarbeitenden am besten entfalten” verschoben. Fachwissen ist die Basis und emotionale Kompetenz ist der Motor moderner Führung.
Führungskräfte müssen heute nicht alles wissen, aber sie müssen sich selbst gut kennen. Es geht darum, mit Ambivalenzen umzugehen, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und auch unter Druck reflektiert zu handeln.
Was macht Entwicklung wirklich wirksam im Führungsalltag?
Entwicklung ist im Führungsalltag dann wirklich wirksam, wenn sie praxisnah erfolgt, das Mindset verändert und kontinuierlich in den Arbeitsablauf integriert wird.
Methodisches Wissen allein verändert noch kein Verhalten. Echte Entwicklung braucht Zeit, Wiederholung und Begleitung. Sie ist wie ein Muskel, den man trainieren muss. Führungskräfte entwickeln sich nicht durch Wissen, sondern durch bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln. Entscheidend ist, dass Entwicklung an reale Herausforderungen anknüpft und Raum für Reflexion schafft.
Als hilfreich hat sich das Journaling erwiesen. Eine Studie der Harvard Business School zeigte, dass das tägliche schriftliche Reflektieren über vergangene Erfahrungen eine Verbesserung auf den Ebenen der kognitiven Leistung, der Motivation, der Anstrengungsbereitschaft und des Durchhaltevermögens bei Rückschlägen bewirkt.
Ich setze in meinen Trainings gerne Serious Games ein, da sie Führung erlebbar und erklärbar machen. In realisitätsnahen Situationen treffen Führungskräfte Entscheidungen, erleben deren Wirkung und reflektieren ihr Handeln in einem sicheren Lernraum. In Follow-up-Terminen tauschen wir uns über die Erfolge und Hindernisse im Führungsalltag aus.
Diese neuen Perspektiven führen zu neuen Entscheidungen und genau dort entsteht nachhaltige Veränderung.
Welche zentrale Haltung möchten Sie Frauen in Verantwortung mitgeben und wie können Leserinnen mit Ihnen in Kontakt treten?
Meine wichtigste Botschaft an Frauen in Verantwortung lautet: Sie müssen sich nicht härter machen, um wirksam zu sein.
Viele Frauen haben gelernt, leistungsstark zu funktionieren, Erwartungen zu erfüllen und sich selbst zurückzunehmen. Doch wirksame Führung entsteht nicht durch permanente Anpassung oder Selbstoptimierung, sondern durch
Selbstklarheit.
Frauen, die zu mir kommen, bringen häufig eine hohe Verantwortungsbereitschaft, Sensibilität und Beziehungskompetenz mit. Diese Qualitäten sind sind zentrale Ressourcen moderner Führung. Entscheidend ist, sie bewusst zu nutzen und gleichzeitig gut für sich selbst zu sorgen.
Führung darf klar, menschlich und wirksam zugleich sein. Wirksame Führung zeigt sich nicht in Durchsetzungsstärke, sondern in innerer Klarheit. Führungskräfte, die sich selbst gut führen, kommunizieren klarer, treffen stimmigere Entscheidungen und bleiben auch in anspruchsvollen Situationen handlungsfähig.
Leserinnen können mit mir über meine Website sowie über LinkedIn in Kontakt treten. Dort teile ich regelmäßig praxisnahe Impulse zu Selbstführung, wirksamer Kommunikation, Resilienz und moderner Führung – insbesondere für Frauen, die Verantwortung tragen und ihre Wirksamkeit nachhaltig gestalten wollen.
Für die Leser:innen von Lady Business stelle ich gerne das kostenfreie Webinar inklusive dem 26-seitigen Workbook als Download zur
Verfügung.
Ich freue mich über den Austausch mit Leser:innen, die Führung nicht nur funktional, sondern bewusst und menschlich leben möchten.
Über Claudia Stegemann
Claudia Stegemann ist Business Coach, Trainerin und Mentorin mit dem Schwerpunkt Selbstführung, Kommunikation und Resilienz in der Führung. Sie begleitet Führungskräfte und Talente dabei, innere Klarheit zu entwickeln und Führung im Alltag wirksam, gesund und menschlich zu gestalten. Ihre Arbeit verbindet fundierte Coaching-Expertise, eigene Führungserfahrung und einen starken Fokus auf nachhaltigen Praxistransfer.
- CIS Leadership Academy
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