Jannike Jungclaus kennt das Spiel, das viele leistungsstarke Frauen perfekt beherrschen: funktionieren, liefern, durchziehen. Nach außen wirkt alles kontrolliert, erfolgreich, souverän. Innen entsteht oft etwas ganz anderes. Druck, Zweifel, ein permanentes Gefühl, noch nicht genug zu sein. Und genau dort beginnt der Preis für ein Leben, das sich nur über Leistung definiert.
Was lange als Stärke gefeiert wird, kippt leise in Erschöpfung. Der eigene Wert hängt plötzlich an Ergebnissen, an Anerkennung, an Erwartungen von außen. Und je mehr erreicht wird, desto weiter entfernt sich das Gefühl von innerer Sicherheit. Jannike Jungclaus stellt genau diesen Mechanismus infrage und zeigt, warum echte Stärke nicht aus Druck entsteht, sondern aus einer ganz anderen inneren Haltung.
Jannike Jungclaus im Interview
Wie hat Ihre Zeit als Leistungssportlerin Ihr heutiges Verständnis von Selbstwert geprägt?
Sehr stark – aus dem Abschnitt meines Lebens habe ich super viel lernen können! Zum einen hat mir meine Zeit im Leistungssport gezeigt, wie schnell man sich über eine Rolle definiert. Lange war ich „die Sportlerin“ und mein Selbstwert hing enorm daran. Heute sehe ich mich viel ganzheitlicher und weiß, dass mein Wert nicht an eine einzelne Rolle gebunden ist.
Zum anderen hat mir der Sport große Disziplin gegeben, aber auch die Erkenntnis, dass sie ohne Selbstmitgefühl kein stabiles Selbstwertfundament schafft. Durch das ständige Feedback von außen habe ich mein Wohlbefinden lange stark an Ergebnisse geknüpft.
Erst mit der Zeit wurde mir klar, wie wichtig es ist, den eigenen Wert nicht nur über Leistung zu definieren. Durch die Arbeit an mir selbst habe ich mit Hilfe von externer Unterstützung verinnerlichen können, dass Selbstwert von innen kommen muss – unabhängig von Ergebnissen oder der Meinung anderer.
Heute bedeutet ein gesunder Selbstwert für mich, die eigene Leistung anzuerkennen und sich gleichzeitig auch ohne ständigen Erfolgsdruck als genug und wertvoll zu empfinden.
Warum geraten so viele leistungsstarke Frauen in Burnout, obwohl sie scheinbar alles im Griff haben?
Viele leistungsstarke Frauen stemmen gleichzeitig Karriere, Familie, soziale Verpflichtungen und emotionale Care-Arbeit. Diese Mehrfachverantwortung kann zu chronischer Überlastung führen. Gleichzeitig setzen sie sich oft sehr hohe Standards – beruflich wie privat. Der innere Druck, allem gerecht zu werden, lässt kaum Raum für Erholung.
Der Anspruch, in allen Rollen professionell, zuverlässig und möglichst perfekt zu sein, erschwert es zusätzlich, klare Grenzen zu setzen. Viele sagen eher „Ja“, obwohl sie „Nein“ meinen, und geben Verantwortung nur ungern ab. Kommen dann noch tief verankerte Selbstzweifel hinzu, entsteht schnell ein belastender Kreislauf.
Da leistungsstarke Frauen oft lange funktionieren und Warnsignale übergehen, bleibt die Erschöpfung häufig unbemerkt – bis Körper und Psyche schließlich klare Grenzen setzen.
Was passiert, wenn der eigene Selbstwert zu stark an Leistung und Anerkennung gekoppelt ist?
Ist das der Fall, hängt unser Wohlbefinden an externen Faktoren, die wir nicht bedingungslos kontrollieren können. Wir können kontrollieren, wie viel wir als Sportler:in trainieren oder wie viel wir investieren, um in unserer Karriere den nächsten Schritt zu machen. Und trotzdem kann es sein, dass im Wettkampf etwas schief geht.
Oder dass Entscheidungen im Unternehmen anders ausfallen als erhofft. Machen wir unseren Selbstwert also immer von dem reinen Outcome ab, geben wir all‘ unsere Kraft und die Kontrolle über unser Wohlbefinden ins außen.
Die Suche nach externer Bestätigung ist dabei oft eng mit einem tief verankerten Gefühl verbunden, nicht gut genug zu sein. Kurzfristig kann Bestätigung von außen diese Lücke vermeintlich füllen – langfristig bleibt dieses Fundament jedoch sehr instabil.
Nachhaltiger ist es, so schwer das zu Beginn ist, den Fokus zu verschieben: hin zu mehr innerer Anerkennung und Wertschätzung für den eigenen Weg. Wenn wir lernen, unsere Fähigkeiten, Erfahrungen und Entwicklung höher zu gewichten als das reine Endergebnis oder den Ziel-Wunsch-Zustand, bauen wir uns selbst ein sehr viel stabileres Fundament.
Erfolge werden dadurch nicht weniger, wir als Mensch aber resilienter, klarer, innerlich stärker & reflektierter.
Jannike Jungclaus stellt Selbstwert radikal neu auf
Wie gelingt es, mentale Blockaden zu lösen und wieder in die eigene Stärke zu kommen?
Der Schlüssel liegt darin, den Zugang zu sich selbst wiederzufinden. Wer lange im Autopilot-Modus unterwegs war und eigene Grenzen übergangen hat, verliert oft das Gespür für sich. Der erste Schritt ist, innezuhalten und die eigenen Gedanken- und Verhaltensmuster bewusst zu reflektieren.
Hinter Blockaden stehen häufig Glaubenssätze, Ängste oder überhöhte Ansprüche. Diese lassen sich hinterfragen und Schritt für Schritt verändern. Gleichzeitig hilft es, mit entsprechenden Tools & Techniken den inneren Druck zu reduzieren, sich selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen und realistischere Erwartungen zu entwickeln.
Kleine, machbare Schritte bringen uns zurück ins Handeln und stärken das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit. Ebenso wichtig ist es, den Körper mitzunehmen – durch Sport, generelle Bewegung, Pausen und bewusste Erholung, denn mentale Stärke hängt sehr eng mit körperlichem Wohlbefinden zusammen.
Unterstützung von außen kann zusätzlich helfen, neue Perspektiven zu gewinnen und wieder Zugang zu den eigenen Ressourcen zu finden.
Was hat sich in Ihrem Leben verändert, seit Sie Leistung nicht mehr als Maßstab für Ihren Wert sehen?
Kurzum: Alles! Ich habe so lange aus einem Gefühl agiert, nicht gut genug zu sein. Mir durch das Erbringen von Leistung Anerkennung und Bestätigung von Menschen gewünscht, die rückblickend gar nicht dieselben Werte vertreten, wie ich.
Ich habe versucht, zu einer Version meiner Selbst zu werden, von der ich geglaubt habe, dass andere mich so mögen könnten. Dann habe ich mich durch meine eigenen Themen gearbeitet. Und die Stunden darein investiert, zu einer Person zu werden, die in erster Linie ich selbst mag.
Heute habe ich noch immer genau den gleichen Drive wie in meiner Zeit im Leistungssport – hohe Ambitionen, klare Ziele und wirklich Spaß an arbeitsintensiven Phasen mit positiven Menschen um mich herum. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in meiner inneren Haltung:
Seit ich verinnerlicht habe, dass ich unabhängig von Leistung okay bin und schon irgendwie einen Weg finden werde – ganz egal, was passiert, habe ich eine ganz andere, innere Ruhe und Sicherheit gewonnen. Dankbarkeitspraktiken spielen dabei eine zentrale Rolle.
Das wirkt sich nicht nur emotional und mental, sondern auch beruflich aus: Ich habe mir ein Mindset erarbeitet, dass wir alle jeden Tag nur dazulernen können. Ich möchte immer wieder sagen können: „Ich habe es wenigstens probiert!“ statt „Das war ja klar, dass das nicht klappt!“.
Diese Herangehensweise hilft mir enorm, schneller Distanz zu Misserfolgen, konfliktären Themen und Gesprächen aufzubauen und das Gesagte von mir als Mensch zu differenzieren, um so sachlich und reflektiert wie möglich auf die Situation blicken zu können.
Während ich früher vergeblich nachhaltig versucht habe, meine Ziele über Durchhaltevermögen, Druck und Zwang zu erreichen, weiß ich heute, dass Disziplin und Konsistenz zwar wichtige Treiber für Erfolg sind, ohne den Faktor von Selbstmitgefühl jedoch nicht langfristig funktionieren.
Welchen Tipp geben Sie Frauen, die sich aus Leistungsdruck und Selbstzweifeln befreien wollen und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?
Zuerst: Wir leben alle das erste Mal. Keiner von uns hat eine Antwort auf alles, was uns im Leben passiert. Wir machen alle Fehler. Wir wissen alle zu Beginn nicht, wie wir anfangen können, alte Muster zu durchbrechen. Ein erster Schritt ist hier die reine Akzeptanz. Die Akzeptanz, dass wir gerade nicht wissen, wie wir mit dem Druck und den Zweifeln umgehen können.
Das Schöne ist, dass wir es dann aber alle in der Hand haben, uns einen individuellen Weg zu erarbeiten oder uns die Hilfe an die Hand zu holen, um das zu lernen. Gerade aus diesen Phasen im Leben – in denen wir nicht weiter wissen, können die schönsten Geschichten entstehen. Wir können diese Verletzlichkeit als größtes Hindernis oder als stärksten Katalysator für Erfolg nutzen.
Ein nächster Schritt ist, die eigenen Ansprüche zu hinterfragen und den inneren Druck bewusst zu reduzieren. Oft sind es weniger äußere Erwartungen als der eigene Perfektionismus, der belastet. Wer lernt, sich nicht ständig zu vergleichen, gesunde Grenzen zu setzen und auch einmal „Nein“ zu sagen, schafft mehr Raum für sich selbst.
Gleichzeitig hilft es, die eigenen Ressourcen und Stärken wahrzunehmen und Erfolge anzuerkennen. So wächst Selbstvertrauen und Leistungsdruck sowie Selbstzweifel verlieren an Einfluss.
Wer Interesse an einem Coaching oder einer anderweitigen Zusammenarbeit hat, findet mich unter:
Über Jannike Jungclaus
Für Jannike Jungclaus fühlt sich die Coaching-Praxis wie eine natürliche Berufung an, die sie zugleich als großes Geschenk und als Verantwortung versteht. Sie ist überzeugt, dass wir zwar nicht alles im Leben kontrollieren können, aber deutlich mehr Einfluss haben, als viele glauben.
In ihrer Arbeit schafft sie einen Raum, in dem Menschen sich bedingungslos gesehen fühlen und über sich hinauswachsen, um Ziele zu erreichen, die sie sich selbst lange nicht zugetraut hätten.







