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Dagmar Thiel: Dein Leben wartet nicht

Dagmar Thiel bricht mit der Illusion vom perfekten Lebensplan. Gerade die Umwege, die Zweifel und die scheinbaren Brüche führen oft zu echter Klarheit. Wer immer nur funktioniert, verliert sich. Wer ehrlich hinschaut, findet zurück.

Im Interview zeigt sie, warum viele Frauen nicht an Schwäche scheitern, sondern an zu viel Anpassung, weshalb Mut oft erst im Gehen entsteht und warum ein inneres „So nicht mehr“ der stärkste Startpunkt sein kann. Direkt, unbequem und befreiend.

Interview mit Dagmar Thiel

Interview Dagmar Thiel

Warum führen gerade Umwege oft zu echter Klarheit im Leben und Business?

Weil Klarheit selten am Reißbrett entsteht. Jedenfalls nicht bei mir. Ich habe mehrmals neu angefangen: mit 34 in einen neuen Lebensabschnitt, mit 50 in die Selbstständigkeit, mit 64 in ein neues Land. Von außen betrachtet könnte man sagen: viele Brüche, viele Umwege, viele Kurswechsel. Ich würde heute sagen: genau das war meine Schule.

Ich wusste nicht immer klar, was ich wollte. Aber ich wusste oft sehr genau, was ich nicht mehr wollte. Und das ist viel wert. Man redet gern so, als müsse man erst eine große Vision haben, bevor man losgeht. Meine Erfahrung ist anders. Manchmal beginnt ein neuer Weg nicht mit einem klaren Ziel, sondern mit einem inneren Stopp: So nicht mehr. Das Alte trägt nicht mehr. Es passt nicht mehr. Es kostet zu viel Kraft, zu viel Wahrheit, zu viel Leben.

Diese Umwege haben mir etwas gegeben, das ich heute nicht missen möchte: Ortskenntnis. Ich weiß besser, wo ich mich selbst verliere, wo ich mich anpasse, wo ich aus Vernunft zu lange bleibe und wo ein Weg zwar vernünftig aussieht, aber innerlich nicht stimmt.

In diesem Sinn waren Umwege für mich keine verlorene Zeit, sondern ein Gewinn an Tiefe, Erfahrung und innerer Präzision. Leben will gelebt, ausprobiert und erfahren werden. Nicht nur erdacht und nach Vorgaben verfolgt.

Welche inneren Blockaden halten viele Frauen davon ab, ihren eigenen Weg konsequent zu gehen?

Ich glaube, viele Frauen scheitern nicht an mangelnder Stärke, sondern daran, dass sie ihre Stärke zu lange für das Falsche eingesetzt haben. Sie können tragen, aushalten, organisieren, Verantwortung übernehmen, sich zusammenreißen und noch funktionieren, wenn innerlich längst nichts mehr stimmt. Das ist gesellschaftlich hoch angesehen, aber oft auch der Anfang einer stillen Selbstverlassenheit.

Die Blockade ist deshalb häufig nicht Schwäche, sondern Pflichtgefühl. Loyalität. Sicherheitsdenken. Die Angst, andere zu enttäuschen. Und manchmal auch die Angst vor dem eigenen Leben, wenn man wirklich ernst macht.

Denn solange ich in alten Rollen bleibe, weiß ich ungefähr, wer ich bin. Wenn ich meinen Weg gehe, verliere ich unter Umständen nicht nur Sicherheiten, sondern auch Identitäten.

Dazu kommt ein Widerspruch, den ich sehr menschlich finde: Wir wollen glücklich sein, wir wollen frei sein – aber bitte, ohne uns dabei nass zu machen. Wir wünschen uns Veränderung, aber möglichst ohne Risiko, ohne Verlust, ohne Angst, ohne Zumutung.

Genau das funktioniert nicht. Freiheit hat einen Preis. Und oft ist dieser Preis nicht Drama, sondern Unsicherheit. Genau diese Unsicherheit verbergen viele lieber, als sie als Teil echter Veränderung anzuerkennen.

Sie haben viele berufliche Stationen durchlaufen. Welche Erkenntnis hat Sie am stärksten geprägt?

Am stärksten geprägt hat mich die Erkenntnis, dass ein Weg nicht falsch war, nur weil er nicht gerade war. Wir leben in einer Zeit, in der Brüche schnell wie Fehler aussehen. Als hätte man sich früh festlegen und dann bitte konsequent auf dieser Spur bleiben müssen. Mein Leben hat anders funktioniert. Rückblickend sehe ich:

Nicht alles, was wie ein Irrweg aussah, war einer.

Manche Schritte waren nötig, damit ich überhaupt begreifen konnte, was zu mir passt und was nicht. Manche Erfahrungen haben mich nicht deshalb weitergebracht, weil sie angenehm oder erfolgreich waren, sondern weil sie mich gezwungen haben, ehrlicher zu werden. Ich halte heute viel weniger von linearen Lebensläufen und viel mehr von gelebter Wahrheit.

Ich habe auch gelernt, dass man sich nicht erst dann ernst nehmen darf, wenn man alles sauber erklären kann. Nicht jede wichtige Entscheidung beginnt mit einer logisch ausformulierten Zukunftsstrategie. Manchmal beginnt sie mit einem inneren Nein. Mit Erschöpfung. Mit Reibung. Mit dem Gefühl: Wenn ich so weitermache, verrate ich etwas Wesentliches in mir.

Erst im Rückblick sehe ich, dass vieles, was getrennt und widersprüchlich wirkte, zu etwas Eigenem zusammengewachsen ist.

Dagmar Thiel: Verpass dich nicht

Zitat Dagmar Thiel

Was bedeutet es, wirklich den eigenen Kurs im Leben zu setzen?

Den eigenen Kurs zu setzen bedeutet für mich nicht, dass man plötzlich über allem steht, glasklar ist und keine Zweifel mehr hat. So funktioniert Leben nicht. Es bedeutet auch nicht, dass man sich für alle Zukunft festlegt. Es heißt eher: Ich nehme mich und meine innere Wahrheit ernst genug, um den nächsten echten Schritt nicht mehr zu umgehen.

Oft stellen Menschen sich Kurssetzung viel heroischer vor, als sie ist. In Wahrheit ist sie manchmal ganz still. Eine Entscheidung, die eine Weile in einem arbeitet, die vielleicht lange reift – und die irgendwann nicht mehr verhandelbar ist. Nicht, weil dann alles klar wäre, sondern weil das Weiter-so keine Option mehr ist.

Für mich heißt den eigenen Kurs setzen deshalb vor allem: nicht länger nur auf äußere Erwartungen, Rollen oder Vernunftkonstruktionen zu reagieren. Sondern Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Mit allen Unsicherheiten. Mit allen offenen Fragen. Und mit dem Wissen, dass man auch später noch nachjustieren darf. Aber erst einmal muss man gehen.

Manche denken dies Leben hier sei ein Probelauf, und das richtige käme noch – nur, bei dem wäre ich nicht so sicher.

Welche Rolle spielen Mut und Vertrauen bei großen Veränderungen?

Viele Menschen sagen über mich, ich sei mutig. Ich selbst empfinde das nicht so eindeutig. Ich kenne Angst. Ich habe ein Sicherheitsbedürfnis. Ich bin nicht von Natur aus die Frau, die jubelnd ins Ungewisse springt. Deshalb misstraue ich manchmal diesen glatten Mut-Erzählungen.

Für mich ist Mut nicht Furchtlosigkeit. Mut ist der Punkt, an dem du merkst: Wenn ich jetzt nicht gehe, verliere ich mich auf andere Weise. Dann ist da keine romantische Abenteuerlust, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Dann triffst du eine Entscheidung, vielleicht nicht leicht, nicht schnell, aber irgendwann fest genug, um den nächsten Schritt wirklich zu tun.

In diesem Sinn ist Mut oft viel nüchterner, als man denkt. Und Vertrauen? Das wächst bei mir meistens nicht vorher, sondern hinterher. Erst der Schritt, dann das Vertrauen. Nicht umgekehrt. Vielleicht passt deshalb der Satz, der Perikles zugeschrieben wird, so gut: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“ Schön finde ich daran nicht den Pathos, sondern die Klarheit: Freiheit fällt nicht vom Himmel. Sie kostet etwas.

Und auch Rilke begleitet mich an solchen Stellen, mit dem Gedanken, dass die Drachen unseres Lebens vielleicht Prinzessinnen sind, die darauf warten, dass wir ihnen anders begegnen. Das heißt für mich nicht, dass Angst verschwindet. Aber dass in dem, was uns bedroht, manchmal auch eine Wahrheit steckt, die gesehen werden will.

Welchen Tipp geben Sie Frauen, die ihr Leben neu ausrichten möchten, und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?

Mein Rat wäre: Warten Sie nicht darauf, dass Klarheit in perfekter Form auftaucht. Hören Sie genauer auf das, was nicht mehr stimmt. Auch das ist bereits eine Form von Orientierung. Es muss nicht alles fertig gedacht sein, damit ein erster Schritt möglich wird.

Viele Frauen machen sich selbst klein, weil sie sagen: Ich weiß ja noch gar nicht genau, was ich will. Meine Erfahrung ist: Das muss am Anfang auch gar nicht vollständig da sein. Oft reicht es, ehrlich genug zu werden für das, was nicht mehr tragfähig ist. Daraus entsteht mehr, als man in dem Moment ahnt.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Zumutung und zugleich die eigentliche Chance: nicht auf den perfekten Moment zu warten, sondern anzufangen, dem eigenen Leben wieder zu glauben.

Ich wollte ein Pippi-Langstrumpf-Leben.
Aber was ich bekam, war eine Steuererklärung, ein leerer Kühlschrank
und die Frage: Wo ist mein Pferd eigentlich hin?
Aber ehrlich, es ist nie zu spät, sich den Reichtum des eigenen Lebensrucksackes anzuschauen und eine andere Richtung einzuschlagen.

Und:

Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Manche Umwege kann man sich auch sparen.

Mit mir in Kontakt treten kann man über meine Website.

Über Dagmar Thiel

Dagmar Thiel arbeitet mit Frauen 50+, die viel getragen haben und spüren, dass es so nicht weitergeht. Sie kennt Umwege, Brüche und Neuanfänge aus dem eigenen Leben und weiß, dass echte Klarheit oft nicht am Reißbrett entsteht. In ihrer Begleitung geht es nicht um schnelle Rezepte, sondern darum, den eigenen Weg wieder so zu finden, dass er innerlich stimmt und äußerlich tragfähig wird.

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