Viele Frauen leisten viel und bleiben trotzdem unsichtbar. Sie liefern ab, halten Teams zusammen, übernehmen Verantwortung und warten gleichzeitig darauf, dass ihre Kompetenz irgendwann von selbst erkannt wird. Doch genau diese Bescheidenheit wird im Berufsleben schnell zur Falle.
Ute Janik kennt diese inneren Bremsen aus eigener Erfahrung und aus ihrer Arbeit als Coachin, Speakerin und Autorin. Im Interview erklärt sie, warum Nettigkeit, schlechtes Gewissen und alte Rollenbilder Frauen noch immer ausbremsen, weshalb gute Leistung allein nicht reicht und wie Frauen lernen können, beruflich klarer, sichtbarer und selbstbestimmter aufzutreten.
Interview mit Ute Janik
Was war der Auslöser für Ihr Buch „Runter von der Bremse!“
In meiner eigenen Karriere von der freien Zeitungsmitarbeiterin im Lokalen bis ins Top-Management des Hessischen Rundfunk habe ich viele äußere und innere Bremsen erlebt, die Frauen auf ihrem Berufsweg behindern.
Ich habe selbst sehr stark mit den inneren Barrieren gekämpft, mit den Frauen sich selbst sabotieren. Heute wundere ich mich manchmal, wie ich es überhaupt geschafft habe, Karriere zu machen!
Immer wieder beobachte ich, wie Frauen sich im Beruf kleinmachen und ihr Potenzial nicht ausschöpfen, weil sie sich selbst zurücknehmen, weil sie bescheiden und still in der zweiten Reihe bleiben. Das gibt mir jedes Mal einen Stich!
Irgendwann habe ich den starken Impuls gespürt, meine Erfahrungen und meine aus dem Leben gewonnene Expertise an andere Frauen weiterzugeben. Damit die nicht dieselben Fehler machen, sondern sich frei und selbstbestimmt entwickeln können.
Mit meinem Buch „Runter von der Bremse! Wie Frauen befreit ihre Karriere gestalten“ möchte ich Frauen ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Welche inneren Karrierebremsen begegnen Frauen im Berufsleben besonders häufig?
Da ist vor allem mal die Bescheidenheit. Viele Frauen sind auch heute noch so sozialisiert, dass sie Bescheidenheit und Zurückhaltung für eine „Zier“ halten. Ich erinnere mich an den Vers in meinem Poesiealbum:
Sei wie das Veilchen im Moose, so sittsam, bescheiden und rein! Nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein!
Dieses Bild prägt Frauen auch heute noch. Selbst wenn viele junge Frauen heute nicht mehr mit denselben Werten erzogen wurden, so begegnen sie dem Rollenbild des bescheidenen Mädchens doch noch überall – in den Medien, vor allem in den Social Media mit all den süßen, hübschen Influencerinnen, aber auch beim „Mädelsabend“. Das steckt noch so tief in uns drin!
Auch die Nettigkeit, dieses Gefühl, anderen immer gefallen zu müssen, ist eine solche innere Bremse. Frauen haben meist ein großes Harmoniebedürfnis, und sie werden auch zum Nettsein erzogen.
Welche Ihrer Leserinnen hat schon mal zu einem Mann gesagt: „Lächel doch mal!“ ? Frauen erleben das ständig, zwei Drittel aller Frauen wurden von Männern, auch von fremden Männern, schon mal zum Lächeln aufgefordert.
Gerne noch mit dem Zusatz: „Dann siehst du auch gleich viel hübscher aus“! Frauen sollen also nett sein und hübsch aussehen. Sonst gelten sie schnell als zickig oder schwierig.
Eine dritte Bremse mit großer Wirkmacht ist das schlechte Gewissen von berufstätigen Müttern. Ich nenne sie die „Rabenmutter“-Bremse. Diese Vorstellung, ich könnte nicht gleichzeitig eine gute Mutter sein und eine Karriere verfolgen.
Wann werden Bescheidenheit, Nettigkeit und schlechtes Gewissen zur Karrierefalle?
Wenn diese tief in uns sitzenden Glaubenssätze unser Verhalten steuern. Und das tun sie. Unser Gehirn glaubt uns, was wir ihm immer wieder einreden.
Ein Beispiel: Weil Frauen verinnerlicht haben, sich bloß nicht vorzudrängeln, warten sie häufig ab, bis man ihnen eine Beförderung anbietet, und bewerben sich nicht aktiv. Das wird durch viele Studien bestätigt.
Hierfür gibt es den Begriff „Tiara-Syndrom“: Wir Frauen denken oft, wenn wir nur einen guten Job machen, kommt schon jemand auf uns zu, setzt uns ein funkelndes Diadem auf den Kopf und sagt: „Du bist die Beste auf dem Flur! Wir müssen dich unbedingt befördern!“ Das ist, als würden wir auf den schönen Prinzen warten, der uns mit seinem edlen Schimmel auf sein prachtvolles Schloss entführt und eine Woche lang Hochzeit mit uns feiert. Aber wann kommt der schon?
Wenn wir permanent nett sind, weil wir allen gefallen wollen, hat das zur Folge, dass wir einfach nicht den Mund aufmachen. Wir beziehen keine Position. Wir lächeln uns durch Meetings, statt mit einer eigenen Meinung und eigenen Vorschlägen sichtbar zu werden.
Ute Janik bringt Frauen in Führung
Warum reicht gute Leistung allein oft nicht aus, um beruflich sichtbar zu werden?
Weil gute Leistungen oft im Verborgenen stattfinden. Wir feilen an einem Report, bis er perfekt ist. Wir mühen uns, Budgets und Zeitvorgaben einzuhalten und schaffen es auch fast immer. Wir sind fleißig und liefern gute Ergebnisse, aber leider unbemerkt.
Frauen sind oft sehr teamorientiert. Sie weisen nicht gerne auf ihre ureigenen Leistungen hin. Dabei ist das im Berufsleben zentral: Unternehmen stellen Mitarbeitende ein, die einen echten Mehrwert bringen. Es liegt an uns, diesen Mehrwert deutlich zu machen. Wir dürfen und sollen auch glänzen!
Als Unterhaltungschefin beim Hessischen Rundfunk habe ich das von meinen Kandidatinnen und Kandidaten ja auch erwartet und sie gefragt:
- Was haben Sie auf Ihrer letzten Position konkret bewirkt?
- Welche Verbesserungen gehen auf Ihre Initiative zurück?
- Wo haben Sie ein Sendungsformat vorangebracht?
Wer darauf so gar keine Antwort weiß – will ich sie oder ihn wirklich in meiner Mann- und Frauschaft? Eher nein!
Für Frauen heißt das: Macht sichtbar, wo ihr gute Leistungen erbracht habt. Weist in Meetings und in Gesprächen mit Vorgesetzten darauf hin. Betreibt Marketing für euch selbst!
Dabei müsst ihr nicht protzen oder angeben. Es reicht, das eigene Licht nicht mehr unter den Scheffel zu stellen.
Wo wirken alte Rollenbilder in Meetings, Bewerbungen und Führungsfragen bis heute nach?
Oh, sie wirken nicht nur aus früheren Zeiten nach, sie sind nach wie vor allgegenwärtig. Dazu gehört zum Beispiel die Körpersprache. In Meetings machen Männer sich oft groß auf ihrem Stuhl, sie strecken ungeniert die Beine lang aus (das sogenannte „Man Spreading“) und nehmen damit eine Machtpose ein. Damit zeigen sie Dominanz.
Diese Alpha-Männchen erkennen wir auch an der Sprache: Männer unterbrechen Frauen drei Mal häufiger, als sie andere Männer unterbrechen. In Meetings geht es ihnen oft darum, ihre Position durchzusetzen, also zu gewinnen, und nicht um einen konstruktiven Austausch auf Augenhöhe mit den Kolleginnen.
Bei Bewerbungen stecken Frauen in einem echten Dilemma: Wenn sie sich selbstbewusst und durchsetzungsfähig präsentieren, werden sie schnell als unsympathisch wahrgenommen. Auch hierzu gibt es wissenschaftliche Studien. Solche „dominanten“ Frauen will man(n) nicht unbedingt im Team.
Da Frauen aber auch Kompetenz zeigen und eigene Leistungen herausstellen müssen, hilft hier nur: Freundlich im Ton bleiben, aber auch klar bei der Benennung der eigenen Kompetenzen und Erwartungen. In meinem Buch „Runter von der Bremse! Wie Frauen befreit ihre Karriere gestalten“ nenne ich diese Haltung „unerbittlich freundlich“ und gebe viele Beispiele.
Was Führungsfragen angeht: Zunächst mal ist es für Frauen schwierig, in Führungspositionen zu kommen. Es gibt sie eben noch, die gläserne Decke in den Chefetagen. Frauen besetzen in Deutschland nur 29 Prozent der Führungspositionen.
Aber auch hier schlagen die inneren Bremsen wieder zu: Frauen trauen es sich oftmals nicht zu, in eine Führungsposition zu gehen. Obwohl sie kompetent und leistungsstark sind. Als Coachin und Speakerin höre ich von Firmenchefs und -chefinnen immer wieder, dass Frauen selbst dann keine Führungsposition annehmen, wenn sie danach gefragt werden. „Ach, als Chefin sehe ich mich nicht“, sagen sie dann.
Dahinter steckt auch das Rollenbild der Frau als „Zuverdienerin“ in der Familie. Es ist eben noch sehr ausgeprägt. Zwei Drittel aller heterosexuellen Paare in Deutschland leben nach diesem Familienmodell.
Äußere Hindernisse, die die Vereinbarkeit von Familie und Karriere erschweren, vor allem der erhebliche Mangel an Kita-Plätzen, kommen zu den inneren Barrieren dazu. Beide Effekte verstärken sich – das ist leider eine Abwärtsspirale.
Was möchten Sie Frauen mitgeben, die beruflich mehr Verantwortung übernehmen wollen und wie kann man mit Ihnen oder Ihrem Buch in Kontakt treten?
Zwei Dinge sind wesentlich, wenn Frauen mehr Verantwortung im Job unternehmen wollen.
Erstens: Kommt euren inneren Bremsen, euren negativen Glaubenssätze auf die Spur. So ein Satz wie „Das schaffe ich nie!“ – Woher kommt der? Wie wurde der euch eingeimpft? Stellt ihn infrage und arbeitet daran, ihn loszuwerden. Das gelingt in kleinen Schritten, wir sind diesen Mustern nicht ewig ausgeliefert.
Und zweitens: Go for it. Wenn ihr innere Bremsen erst loslassen könnt, sagt euren Vorgesetzten ganz klar, was ihr erreichen wollt. Bewerbt euch, werdet initiativ, macht eure Leistungen sichtbar.
Dabei gibt es so viel zu gewinnen! Frauen, die sich im Beruf entfalten, gewinnen nicht nur wirtschaftliche Unabhängigkeit. Sie lernen neue Facetten und Fähigkeiten von sich kennen, erleben sich als kompetent und gewinnen an Selbstbewusstsein, im Job und im Privaten.
Mit mir in Kontakt zu treten, ist ganz einfach und funktioniert am besten über meine Website. Ich freue mich, wenn Frauen sich mit mir austauschen oder mit mir als Coachin Veränderungen in ihrem Leben angehen wollen.
Mein Buch „Runter von der Bremse! Wie Frauen befreit ihre Karriere gestalten“ ist seit gestern in allen Buchhandlungen und auf allen Online-Plattformen für Bücher, wie Amazon oder Thalia, erhältlich!
Über Ute Janik
Ute Janik ist Coachin, Speakerin und Autorin des Buches „Runter von der Bremse! Wie Frauen befreit ihre Karriere gestalten“. Nach ihrem Weg von der freien Zeitungsmitarbeiterin bis ins Top Management des Hessischen Rundfunks unterstützt sie heute Frauen dabei, innere Karrierebremsen zu erkennen und selbstbewusst Verantwortung zu übernehmen.







