Zwischen Dauerstress, Bildschirmzeit und ständigem Funktionieren wächst bei vielen Frauen ein Wunsch, der lange unterschätzt wurde: endlich wieder durchatmen. Nicht im nächsten Urlaub. Nicht irgendwann später. Sondern genau dort, wo das Leben jeden Tag stattfindet. Zuhause. Ein Ort, der nicht perfekt aussehen muss, sondern sich gut anfühlen soll.
Melanie Schwemer kennt dieses Bedürfnis nicht nur aus Gesprächen mit Kundinnen, sondern aus ihrem eigenen Leben. Aus einer kreativen Idee entstand Schritt für Schritt eine Marke, die heute zehntausenden Menschen kleine Wohlfühlmomente schenkt. Im Interview erzählt sie, warum Gemütlichkeit nichts mit Stillstand zu tun hat, weshalb sie sich bewusst gegen Wachstum um jeden Preis entschieden hat und warum ein Leseknochen manchmal mehr verändern kann, als man denkt.
Interview mit Melanie Schwemer
Warum sehnen sich heute so viele Menschen nach mehr Gemütlichkeit und Ruhe in ihrem Zuhause?
Ich denke, es geht vielen Menschen wie mir. Unser Alltag ist oft laut, hektisch und stressig. Wir müssen ständig erreichbar sein, haben Termine, Aufgaben, Nachrichten, To do Listen und manchmal auch das Gefühl, überall gleichzeitig funktionieren zu müssen.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell man in eine Erschöpfung rutschen kann, wenn man immer nur funktioniert. Ich musste selbst erst lernen, abzuschalten, mir Auszeiten zu nehmen und auch mal Nein zu sagen. Das klingt so einfach, ist es aber oft gar nicht.
Deshalb bin ich heute umso froher, wenn mein Zuhause ein Rückzugsort ist. Ein Ort, an dem ich einfach ich sein kann, ohne Druck von außen. Dafür muss nicht alles perfekt dekoriert sein. Mir reicht oft das Sofa, ein gutes Buch, eine Tasse Tee und vielleicht auch ein Leseknochen. Wichtig ist doch, dass man sich wohlfühlt, zur Ruhe kommt und für einen Moment abschalten kann.
Wie wurde aus einem selbst genähten Leseknochen plötzlich ein Business mit über 90.000 verkauften Produkten?
Ganz ehrlich: Plötzlich war daran gar nichts. In Wahrheit war es ein langer Prozess mit vielen Umwegen, sehr viel Arbeit und einigen Momenten, in denen ich kurz davor war aufzugeben.
Ende 2013 habe ich mich selbstständig gemacht. Damals nähte ich noch Kinderkleidung, Accessoires und Dekorationsartikel, hatte einen DaWanda Shop und war teilweise bis zu fünfzigmal im Jahr auf Kreativmärkten unterwegs. Diese Zeit war anstrengend, aber prägend: Ich lernte, was Kundinnen mögen und was sich wirtschaftlich trägt.
Nach vier Jahren harter Arbeit kam der Punkt, an dem Aufwand und Umsatz in keinem Verhältnis mehr standen. Damals lag sogar der Hartz 4 Antrag bei uns zu Hause auf dem Küchentisch. Ausgefüllt habe ich ihn nie. In mir sträubte sich alles dagegen. Stattdessen beschloss ich, Plückefinken komplett neu auszurichten.
2018 traf ich eine radikale, aber notwendige Entscheidung. Ich sagte mir: „Ich wollte nie wieder von jemandem abhängig sein!“ Also konzentrierte ich mich nicht mehr auf viele verschiedene Produkte, sondern nur noch auf eines: den Leseknochen. Dieses Produkt passte zu mir, weil ich selbst leidenschaftlich gern lese. Und ich hatte ein klares Ziel:
Meine Leseknochen sollen im Einzelhandel erhältlich sein!
Ich sagte alle Märkte ab, suchte eine Näherei und buchte noch am selben Tag einen Stand auf der Händlermesse Nordstil in Hamburg. Das Risiko war groß, aber genau dort kamen die ersten Händlerbestellungen. Viele dieser Kundinnen und Kunden sind bis heute dabei.
Heute wurden über 90.000 Produkte verkauft. Für mich ist das aber kein Punkt, an dem ich mich lange zurücklehne. Ich schaue eher nach vorn und überlege, welche nächsten Schritte für Plückefinken sinnvoll sind.
Warum haben Sie sich bewusst gegen Wachstum um jeden Preis und für mehr Familienzeit entschieden?
Ich musste über diese Frage tatsächlich erst einmal nachdenken, weil „Wachstum um jeden Preis“ viel bedeuten kann. Für mich heißt es nicht, dass ich Plückefinken nicht weiterentwickeln möchte. Im Gegenteil: Ich stelle mich gern neuen Herausforderungen, lerne gern dazu und möchte mein Unternehmen weiter nach vorn bringen. Aber Wachstum muss zu meinem Leben passen.
Selbstständig zu sein bedeutet für mich vor allem Unabhängigkeit, Verantwortung und freie Zeiteinteilung. Ich möchte arbeiten können, wann es nötig ist, aber mir auch bewusst Zeit nehmen können, wenn meine Familie mich braucht.
Meine Kinder sind inzwischen aus dem Haus, aber seit dem Tod meines Vaters benötigt meine Mama mehr Unterstützung. Genau das ist für mich ein großer Wert meiner Selbstständigkeit: Ich kann mir auch einmal einen Tag freinehmen, um sie zum Arzt zu begleiten, ohne jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen.
Natürlich gibt es in der Selbstständigkeit keine Garantie für freie Nachmittage und entspannte Wochenenden. Manchmal ist eher das Gegenteil der Fall. Aber ich möchte mein Unternehmen so führen, dass es nicht nur Umsatz bringt, sondern auch zu meinem Leben passt. Plückefinken soll wachsen, aber nicht so, dass ich mich selbst, meine Gesundheit oder meine Familie dabei aus den Augen verliere.
Melanie Schwemer macht Gemütlichkeit wieder wichtig
Was unterschätzen viele Gründerinnen, wenn sie aus einem kreativen Hobby ein echtes Unternehmen machen wollen?
Viele unterschätzen wahrscheinlich die vielen rechtlichen Hürden und die Menge an Bürokratie, die eine Selbstständigkeit mit sich bringt. Aus einem kreativen Hobby wird schnell ein richtiges Unternehmen.
Und dazu gehören eben nicht nur schöne Stoffe, neue Ideen und liebevoll verpackte Bestellungen, sondern auch Kalkulation, Buchhaltung, Einkauf, Lager, Versand, Kundenservice, Marketing, Reklamationen und immer wieder Entscheidungen. Da bleibt die Kreativität leider manchmal auf der Strecke.
Wichtig ist auch, sich bewusst zu machen, dass es schlechte Zeiten geben kann. Es kommen vielleicht nur wenige Bestellungen oder ein Kunde zahlt nicht. Dann kommen Selbstzweifel, man ist niedergeschlagen und denkt vielleicht ans Aufgeben. Ich glaube, das passiert öfter, als viele denken.
In solchen Momenten ist es besonders wichtig, Menschen an seiner Seite zu haben, die zu einem stehen, unterstützen und Mut zusprechen. Ich bin sehr froh, dass mein Mann an meiner Seite ist. Er ist meine große Stütze in allen Lebenslagen.
Mir hilft außerdem, erst einmal Abstand zu nehmen, die Probleme von außen zu betrachten und eine Nacht darüber zu schlafen. Am nächsten Tag ist der Kopf meistens freier und ich kann klarer denken.
Wie wichtig sind hochwertige Materialien und faire Produktion heute wirklich für moderne Kundinnen?
Die Frage finde ich ehrlich gesagt gar nicht so leicht zu beantworten. Wahrscheinlich müsste man dafür moderne Kundinnen direkt fragen, um eine wirklich objektive Antwort zu bekommen.
Ich kann nur sagen, was mir persönlich wichtig ist und was wir aus den Rückmeldungen unserer Kundinnen, Kunden und Händler wahrnehmen. Für mich sind hochwertige Materialien und eine faire Produktion eng mit den Werten verbunden, für die Plückefinken steht: Authentizität, Verantwortungsbewusstsein und Naturverbundenheit.
Ein Leseknochen wird berührt, benutzt, verschenkt, gewaschen und oft über viele Jahre geliebt. Da merkt man irgendwann sehr genau, ob ein Produkt mit Sorgfalt gemacht wurde oder nicht.
Unsere Leseknochen werden in Europa produziert. Seit 2019 arbeiten wir mit einer polnischen Näherei zusammen, die unsere Produkte für uns fertigt. Die Endkontrolle und das Verpacken übernehmen wir selbst. Jedes Produkt geht also noch einmal durch unsere Hände, bevor es verschickt wird. Das ist aufwendiger, aber mir wichtig.
Wie wichtig Qualität wirklich ist, erleben wir besonders auf Messen. Ganz oft kommen Kunden zu uns, die im Jahr davor einen Leseknochen gekauft haben. Sie erzählen uns dann, wie zufrieden sie sind, loben die Qualität und kaufen manchmal gleich noch einen zweiten oder dritten Leseknochen. Und ja, auf Messen gibt es oft auch günstigere Mitbewerber.
Umso schöner ist es, wenn Kunden trotzdem wieder zu uns kommen. Solche Erlebnisse zeigen uns immer wieder, dass gute Qualität nicht nur ein schönes Versprechen sein darf, sondern am Ende auch spürbar sein muss.
Welchen Tipp geben Sie Frauen, die mit einer kreativen Idee in die Selbstständigkeit starten möchten und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?
Mein wichtigster Tipp ist: Fangt nicht völlig planlos an. Eine kreative Idee ist ein wunderbarer Anfang, aber sie allein trägt noch kein Unternehmen. Ich empfehle vor dem Start einen Gründerkurs zu besuchen. Dort sollten wichtige Themen wie Kalkulation, Marktanalyse, Zielgruppe, Buchhaltung und die Vorbereitung auf die Selbstständigkeit vermittelt werden. Ich habe damals selbst zwei Kurse besucht und davon sehr profitiert.
Ich würde außerdem raten, nicht alles gleichzeitig perfekt machen zu wollen. Perfekter Shop, perfekte Fotos, perfektes Sortiment, perfekte Social Media Präsenz: Das muss am Anfang nicht alles fertig sein. Viel wichtiger ist, dranzubleiben und Schritt für Schritt professioneller zu werden.
Und bitte vergleicht euch nicht ständig mit anderen. Jede Gründung hat ihr eigenes Tempo. Von außen sieht vieles leicht aus, aber man sieht selten die schlaflosen Nächte, Fehlentscheidungen und Momente, in denen jemand kurz davor war, alles hinzuschmeißen.
Mit mir und Plückefinken kann man am besten über unsere Website oder per E Mail unter info@plueckefinken.de Kontakt aufnehmen. Dort finden Kundinnen und Kunden unseren Onlineshop und Informationen zu unseren Produkten. Händlerinnen und Händler finden zusätzlich unseren B2B Bereich unter haendler.plueckefinken.de.
Über Melanie Schwemer
Melanie Schwemer ist die Gründerin von Plückefinken, einer Marke für hochwertige Leseknochen, Wohntextilien und liebevoll gestaltete Geschenkideen. Mit viel Gespür für Qualität, Design und praktische Details entwickelt sie Produkte, die den Alltag schöner, gemütlicher und persönlicher machen. Dabei verbindet sie unternehmerisches Denken mit Kreativität, Bodenständigkeit und echter Leidenschaft für ihre Marke.







