Katrin Hoster, Mitgründerin der Wut Coaches, arbeitet seit Jahren mit Menschen, die unter ihrer eigenen Wut leiden – oder unter der Wut anderer. Im exklusiven Interview erklärt sie, warum Aggression selten das eigentliche Problem ist, sondern ein Hinweis auf übergangene Bedürfnisse, Hilflosigkeit und fehlende Selbstwirksamkeit.
Sie spricht über getriggerte Wut, Scham bei Frauen, explosive Konflikte im Alltag und darüber, wie gesunde Aggression zur Kraftquelle werden kann. Ein Gespräch über Grenzen, Verantwortung und warum unterdrückte Wut langfristig mehr Schaden anrichtet als ein klares Nein.
Katrin Hoster im Interview

© Paul Hoffmann Productions
Warum ist Wut oft ein Ausdruck von Hilflosigkeit?
Eigentlich wollen wir selbstwirksam sein, uns in Beziehungen oder im Job sicher fühlen. Doch oft gibt es diesen einen Moment, der uns triggert: Wir fühlen uns nicht gehört, übergangen oder respektlos behandelt. In Sekundenbruchteilen entsteht ein Gefühl der Ohnmacht, wie bei einem Tier in der Falle.
Wie auf Knopfdruck explodieren wir, um uns Gehör zu verschaffen – schlicht, weil wir uns nicht mehr anders zu helfen wissen. Die Wut ist dann der verzweifelte Versuch des Systems, diese Hilflosigkeit zu beenden und die Handlungsfähigkeit wiederherzustellen.
Neben dieser „getriggerten“ Wut kann Hilflosigkeit auch durch echte Überforderung entstehen. Diese Art von Wut baut sich meistens über einen längeren Zeitraum auf. Hier fungiert sie als natürlicher Schutzmechanismus, der uns zeigt:
Sorge endlich wieder gut für dich selbst!
Auch mangelnde Kommunikationsfähigkeit kann uns erst hilflos und dann wütend machen. Den Satz „Ich dringe einfach nicht zu den anderen durch“ höre ich im Wut Coaching immer wieder.
Was passiert innerlich, bevor Wut nach außen explodiert?
Nehmen wir das Beispiel der negativen Gedanken: Manche Gedanken sind wie wilde Pferde. Wenn man sich die falschen vor den Karren spannt, gehen sie mit einem durch und man landet an einem Ort, an den man nie hin wollte. Durch eskalierende innere Monologe redet man sich Stück für Stück in Rage.
Je nachdem, ob es sich um Wut durch Trigger, gebrochene Regeln, übergangene Bedürfnisse oder Stress handelt, können die inneren Abläufe sehr unterschiedlich sein. Oft ist es auch ein explosiver Cocktail aus all diesen Zutaten.
Doch egal wie der Weg dorthin aussieht, das körperliche Ergebnis ist gleich: Der Körper fährt hoch, Puls und Blutdruck steigen, Muskeln spannen sich an. Wir sind biologisch im Kampfmodus. Der Verstand und die Rationalität haben dann Sendepause.
Erst wenn der Druck durch Schreien oder Toben entwichen ist, flaut dieser Sturm ab – oft gefolgt von einer emotionalen „Eiszeit“ oder massiven Schuldgefühlen.
Warum schämen sich viele Menschen für ihre Aggression?
Besonders Frauen kennen den Glaubenssatz: „Sei weiblich, sei lieb, sei angepasst.“ Wut passt nicht in dieses Bild. Wenn uns dann doch der Kragen platzt – etwa bei den eigenen Kindern –, fühlen wir uns danach furchtbar. Es fallen Sätze wie: „Ich bin eine Rabenmutter“ oder „So wollte ich nie sein.“
Viele meiner Klientinnen und Klienten sagen auch: „Ich wollte nie so werden wie mein Vater oder meine Mutter und jetzt verhalte ich mich genauso.“ Diese Scham wiegt schwer.
Sie führt paradoxerweise dazu, dass wir die Wut beim nächsten Mal noch tiefer runterdrücken, bis zur nächsten, noch heftigeren Explosion. Dabei wäre es so wichtig, sich um die darunterliegenden Ursachen zu kümmern, damit erst gar nicht mehr so viel Wut entsteht.
Katrin Hoster: Wut verstehen und kontrollieren

© Paul Hoffmann Productions
Was verändert sich, wenn Wut verstanden statt unterdrückt wird?
Wir vergleichen Wut gerne mit körperlichem Schmerz. Wenn man die Hand über eine Kerze hält, sagt der Schmerz: „Zieh die Hand weg!“ Könnte man den Schmerz einfach abschalten, würde der Arm verkohlen.
Der Schmerz sorgt dafür, dass es bei einer kleinen Brandblase bleibt. Genau das leistet gesunde Wut: Sie ist ein Warnsignal für unsere psychische Integrität. Sie zeigt: „Halt, hier wird eine Grenze überschritten!“
Wenn wir Wut verstehen, nutzen wir sie als Kraftquelle, um für unsere Bedürfnisse einzustehen und klar „Nein“ zu sagen, bevor wir explodieren müssen. Wer seine Wut spürt und steuert, muss kein „menschlicher Fußabtreter“ sein, sondern kann souverän Grenzen setzen – ohne die Menschen zu verletzen, die ihm am allerwichtigsten sind.
Warum ist eigene Erfahrung im Umgang mit Wut so entscheidend?
Theorie ist gut, aber man muss gefühlt haben, wie es ist, wenn man die Kontrolle verliert. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: In einer Phase großer Überforderung, mit kleinen Kindern und Schlafmangel, hatte ich oft einen unterschwelligen Groll.
Ich dachte: „Alle kriegen, was sie brauchen, nur ich nicht.“ Daraus entstand Wut. Ich musste damals erst lernen, die Verantwortung für meine Bedürfnisse wieder selbst zu übernehmen.
Weil wir als Team bei den „Wut Coaches“ diesen Weg aus der Wut selbst gegangen sind, können wir unsere Klienten ganz anders abholen. Sie spüren: Hier werde ich nicht verurteilt, hier weiß jemand, wie sich Ohnmacht, Wut, Reue und Scham wirklich anfühlen. Das spiegeln uns unsere Klienten immer wieder: Dass sie sich deshalb bei uns im Coaching wirklich verstanden fühlen.
Was möchten Sie Betroffenen mitgeben und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?
Meine wichtigste Botschaft ist: Wut ist keine Charakterschwäche, sondern ein Signal. Du bist nicht falsch, nur weil du wütend bist. Du bist auch nicht „schuld“. Dennoch trägst du zu 100 % die Verantwortung dafür, wie du mit diesem Gefühl umgehst.
Hör auf, die Wut zu schlucken oder unkontrolliert an anderen auszulassen, und fang an, ihre Botschaft zu verstehen und zu nutzen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan – gute Vorsätze und Willenskraft reichen da meist nicht aus.
Wer lernen möchte, seinen ganz persönlichen aggressiven Kreislauf zu durchbrechen, findet uns auf unserer Website. Wir unterstützen ganz normale Menschen, die mitten im Leben stehen, dabei, ihre Wut und Aggression mit praktischen Tools zügig und nachhaltig in den Griff zu bekommen.
Gemeinsam finden wir die Ursachen und etablieren einen gesunden Umgang mit der Emotion. Egal, ob die Wut der Beziehung, den Kindern oder dem Berufsleben schadet: Es ist nie zu spät, etwas zu verändern.
Über Katrin Hoster
Katrin Hoster hat zusammen mit Merlin Faude die „Wut Coaches“ gegründet, ein renommiertes Coaching Unternehmen, das im gesamten deutschsprachigen Raum online Wege aus der Wut anbietet. Als Team, bestehend aus Psychologen, Pädagogen, Therapeuten, Ärzten, Coaches und Trainern, haben die Wut Coaches seit 2018 bereits über 4.000 Menschen dabei geholfen, einen kontrollierten und positiven Umgang mit ihrer Wut zu finden.





