Interviews

Dr. Janine Bohlmann entlarvt Kosmetiklügen

Glänzende Werbeversprechen, luxuriöse Verpackungen und Cremes für mehrere hundert Euro. Die Kosmetikindustrie verkauft seit Jahren das Gefühl von Schönheit, Jugend und Selbstfürsorge. Doch immer mehr Frauen beginnen zu hinterfragen, was sie sich eigentlich täglich auf die Haut auftragen und warum ihre Haut trotz teurer Produkte gereizt, trocken oder dauerhaft überfordert reagiert.

Dr. Janine Bohlmann blickt hinter genau diese Fassade. Die Ingenieurwissenschaftlerin und Gründerin von wasserundoel.de verbindet wissenschaftliche Expertise mit jahrzehntelanger Leidenschaft für ehrliche Naturkosmetik. Im Interview spricht sie über problematische Inhaltsstoffe, versteckte Tricks der Kosmetikbranche und darüber, warum gute Hautpflege deutlich mehr ist als ein hübsches Werbeversprechen.

Interview mit Dr. Janine Bohlmann

Interview Dr. Janine Bohlmann

Warum reagieren heute immer mehr Menschen empfindlich auf herkömmliche Kosmetikprodukte?

Oh je, ein weites Feld! Mal vorweg: Ganz sicher gibt es auch viele, die mit ihrer gewählten (konventionellen) Kosmetik zufrieden sind und das ist auch völlig in Ordnung.

Und manche Frauen geben 1000 € (!) und mehr für einen Cremetiegel aus und brauchen das für das Gefühl, sich Gutes zu tun (wobei, ich hatte mir mal solche „Exemplare“ rausgesucht: Die INCI-Listen – also die verpflichtende Auflistung der Inhaltsstoffe – enthielten Dinge (u.a. die berüchtigten PFAS, Mikroplastik in Mengen, Silikone, erdölbasierte Emulgatoren, Nano-Partikel, …), die möchte ich nicht auf meiner Haut haben, nicht mal, wenn man mich dafür bezahlen würde.

Aber in der Kritik stehende Stoffe wie PEGs oder Parabene einerseits und Trends wie dem zu vegetarischer oder veganer Ernährung sowie ein gesteigertes Bewusstsein globaler Ökologie (z. B. mit Blick auf die Palmölproblematik) haben dem Bereich der Naturkosmetik eine enorme Dynamik beschert.

Naturkosmetik hat sich ähnlich den Bioprodukten im Lebensmittelbereich, die sich heute selbstverständlich auch in Discountern neben dem konventionellen Sortiment finden, etabliert.

Und immer mehr Konsumenten – nicht nur Frauen, auch Männer – möchten wissen, womit sie sich duschen und was sie auf die Haut schmieren. Niemand würde Mineralöl essen – wer will es dann auf der Haut haben?

Wenn es also in der Ausgangsfrage um das „empfindliche Reagieren“ ging: Ja, man kann auf in konventioneller Kosmetik enthaltene Inhaltsstoffe reagieren. Der Fairness halber muss man aber feststellen: Das gilt auch für Naturkosmetik!

Viele der in Naturkosmetik zum Einsatz kommende Stoffe sind so wirksam, so potent, dass allergische oder Empfindlichkeitsreaktionen nicht ausgeschlossen werden können, das muss man ganz klar sagen (ich persönlich quäle mich zum Beispiel jedes Jahr im April mit Heuschnupfen rum, dabei ist der Birkenpollen auch ganz natürlich … 😏).

Aber Naturkosmetik ist die ehrlichere Hautpflege, auch die mit der langfristig besseren Wirkung, das ist eindeutig

Was läuft Ihrer Meinung nach in der Kosmetikindustrie oft falsch, wenn es um Hautgesundheit und Inhaltsstoffe geht?

Hier sehe ich die zwei Aspekte Qualität und Rezeptur.

  1. Qualität: Wenn wir von einer „normalen“ Tagescreme ausgehen, so besteht diese zu rund 20 bis 25 % aus der so genannten Fettphase (Wasser und wasserlösliche Wirkstoffe bilden den Rest).Im Fall von Naturkosmetik sind dies Pflanzenöle und -Buttern in BIO-Qualität, deren unterschiedliche Fettsäuremuster je nach Auswahl eine größtmögliche Anpassung an den individuellen Hauttyp ermöglichen.
    Konventionelle Kosmetik hingegen hat eine konsistenzgebende Basis aus Mineralölen.In diesen „Körper“, der für sich genommen im besten Fall der Haut nicht schadet, ihr aber auch nichts geben kann, werden dann werbewirksam einzelne Öle „geträufelt“ (dann heißt es da z.B. „mit Arganöl“, auch wenn dieses quasi nur in homöopathischer Dosierung vorhanden ist), allerdings nie in BIO-Qualität – es ist halt schlicht eine Preisfrage.

    Genauer: eine Preismaximierungsfrage … Für meinen Businessplan hatte ich mir mal ein solches Beispiel rausgeguckt: Eine Augencreme für 300 € für 20 ml. Die ersten Inhaltsstoffe in absteigender Reihenfolge: Wasser, PEG (Emulgator), Paraffin, Vaseline, noch ein Emulgator, Hydrogenated Vegetable Oil.

    Letzteres ist ein gehärtetes Pflanzenfett, ein chemisch so verändertes Gemisch flüssiger Öle, dass es von fester Konsistenz ist, unbegrenzt auch ohne Kühlung haltbar und hoch erhitzt werden kann.

    Oft werden Gemische aus minderwertigen Ölen wie beispielsweise Baumwollsaatöl verwendet – ein Nebenprodukt der Baumwollverarbeitung, das wegen der hohen Schadstoffbelastung in der Kritik steht.

    Solche gehärteten Fette finden in der Lebensmittelindustrie vielfach in Convenienceprodukten wie z. B. Backofenpommes Verwendung. Mit anderen Worten: Kunde bezahlt 300 € für einen Teelöffel voll Frittenfett.

  2. Die Rezeptur: Eine Creme, die mir in Sekundenschnelle ein tolles, samtiges, pralles Hautgefühl erzeugt, ist toll – eine Creme, die meine Haut dauerhaft nährt, die Hautbarriere und den natürlichen Tugor (Innendruck einer Hautzelle durch ihren Feuchtigkeitsgehalt) intakt hält, mich vor schädlichen Umwelteinflüssen schützt und langfristig die Zeichen altersbedingter Hautalterung verringert, ist noch toller 😂.

    Finden wir jedenfalls – die Kosmetikindustrie geht oft den ersten Weg.

    Ein bekannter, wenn auch diskreter Trick der Kosmetikindustrie: hautirritierende Substanzen in Mini-Dosis verursachen Mikroentzündungen, die zu vermehrter Hautquellung durch Wassereinlagerung in der Hornschicht führen, den so genannten Mikroödemen.

    Diese lassen das Hautprofil aufquellen und glatter wirken, zusätzlich lässt eine minimale Hautrötung das Hautbild „prall, frisch und rosig“ erscheinen. Dann noch etwas Silikon für das seidige Finish und die Kundin kauft begeistert.

Problem: auf Dauer ruiniert frau sich auf diese Weise gründlich die Haut, was sich nach einigen Jahren in einem gereizten, trockenen und fahlen Erscheinungsbild zeigt!

Trotzdem wird einfach eine neue Pflegelinie auf den Markt gebracht und mit neuen Werbeversprechen, aber mit im wesentlichen unverändertem Inhalt um Kunden geworben.

Wie wurde aus einer wissenschaftlichen Leidenschaft für „Selberrühren“ schließlich ein eigenes Naturkosmetik-Unternehmen?

Es war eigentlich anders herum: Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für die Wissenschaft, das „Selbern“ von Cremes war eher ein aus Neugierde geborener Randeffekt.

Mit meiner Mutter habe ich, damals noch Schülerin, vor über 40 Jahren nach unserer per frankiertem Rückumschlag direkt vom WDR erworbenen Hobbythek-Broschüre (kann man heute auch keinem jungen Menschen mehr erklären 😂) die allerersten selbst gemachten Cremes und Lotions nach Rezepten von Jean Pütz gerührt.

Ende der 80er Jahre studierte ich Verfahrenstechnik an der TU Berlin und fertigte dort auch meine Doktorarbeit im Themenbereich „Rühren und Mischen“ an. Später habilitierte ich mich mit einer Verfahrensentwicklung im Gebiet der Biotechnologie.

Während dieser Zeit betreute ich Studierende in verschiedenen Lehrveranstaltungsformaten, so auch im jährlichen zweiwöchigen Blockpraktikum am Versuchsstand „Rühren“.

Als „Highlight“ des Versuchstages stellte jede Gruppe abschließend eine Bodylotion her (die Rezeptur war aus ebenjener WDR-Broschüre), die sie nach eigenem Wunsch parfümieren und in mitgebrachte Flaschen abfüllen konnte.

Einige Studentinnen legten wegen empfindlicher Haut Wert auf unparfümierte Creme, die leicht vor dem letzten Arbeitsschritt abgezogen werden konnte. Diese Studentinnen äußerten später mir gegenüber, es sei „die beste Creme“ gewesen, die sie je hatten, selbst teure Ware aus der Apotheke könne da „nicht mithalten“.

Im Sommer 2017, nach über 25 Jahren erfolgreicher Berufstätigkeit in Wissenschaft und Industrie und kurz vor meinem 50. Geburtstag stehend, erinnerte ich mich an diese Episode aus meiner Dozenten-Tätigkeit, und mir schien die Zeit reif, ein eigenes Unternehmen zu gründen – die Crememanufactur Dr. Bohlmann Berlin.

Dr. Janine Bohlmann setzt auf echte Qualität

Zitat Dr. Janine Bohlmann

Warum ist echte Naturkosmetik deutlich komplexer, als viele Verbraucherinnen denken?

Ist sie das denn? Okay, wenn man bei konventioneller Kosmetik von den Inhaltsstoffen mal alles abzieht, was alleine der Textur, der Farbe, der Konsistenz und anderen technischen Eigenschaften geschuldet ist – mit anderen Worten: alles, was nicht unmittelbar der Hautpflege dient –, dann bleibt nicht viel übrig.

So gesehen ist Naturkosmetik da natürlich schon komplexer. Vor allem die Rezepturentwicklung ist komplexer: Ich nehme nicht Basis eins, zwei oder drei und addiere einzelne Stöffchen, sondern ich arbeite immer am Gesamtkonzept: Für welchen Hauttyp soll die Creme sein und was soll sie können?

Wie wichtig war die Kombination aus technischer Expertise und modernem Markenaufbau für den Erfolg von wasserundoel.de?

Naja, auch die beste Creme verkauft sich nicht von alleine. Und man muss der Welt ja auch erst mal mitteilen, was sie hier bei uns Tolles bekommt – nur, dass tausend Andere das auch wollen/tun …

Am Anfang dachte ich hauptsächlich an klassischen stationären Einzelhandel, der eher beiläufig auch einen Online-Auftritt haben sollte. Spätestens mit Corona hatte sich das dann ja erledigt!

Heute machen wir sicher 80 % unseres Umsatzes online neben ein bisschen B2B (wir beliefern Kosmetikstudios und fertigen auch so genannte white label Produkte an). Auch wenn mir die persönliche Beratung und der Verkauf „am Menschen“ sehr viel Spaß macht, kann man damit heute meiner Meinung nach nicht mehr bestehen.

Ich könnte rein aus Lust auch wöchentlich ein neues Rezept ertüfteln, nur müssen dann ja noch gefühlte Berge an Dokumentationen für die Inverkehrbringung erstellt werden, schließlich unterscheidet die Kosmetikverordnung hier nicht zwischen Großkonzern und Mini-Manufaktur.

Und ob ich für die Werbeanzeigen bei Google täglich ein Budget von 10 oder von tausend Euro zur Verfügung habe, macht natürlich auch einen Unterschied, von der Qualität der Anzeigen mal ganz abgesehen.

Nicht zuletzt ist mir auch meine persönliche Integrität wichtig: Ich weiß, was meine Cremes und Lotions können, ich kenne aber auch die Limitierungen kosmetischer Produkte. Beliebig unseriöse, gar marktschreierische Werbung ist einfach nicht mein Ding.

Oder, wie ich meinen Kunden im Ladengeschäft manchmal auch gerne sage: Wenn ich wirklich Falten wegcremen könnte, hätte ich mein Geschäft am Ku´damm 😂.

Irgendwie bewegt man sich also immer im Spannungsfeld von erhoffter Reichweite, Budget und marketingtechnischer Expertise und lernt immer dazu, nicht selten auch aus den Dingen, die irgendwie überhaupt nicht liefen und nur Geld verbrannt haben … Eine gewisse Beharrlichkeit und die unerschütterliche Überzeugung, das Richtige zu tun, sind da unabdingbar.

Welchen Tipp geben Sie Frauen, die aus einer eigenen Leidenschaft ein Business entwickeln möchten und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?

Mache gerne, was du tust, dann machst du es gut! Mache gut, was du tust, dann machst du es gerne!

Ich bin über home@wasserundoel.de immer erreichbar und freue mich über Anfragen – sei es klassisch zum Thema Hautpflege, zu Businesskooperationen, zu unserer eigenen Unternehmensgeschichte – oder eben auch zu Erfahrungen rund ums Thema Gründung.

Über Dr. Janine Bohlmann

Dr. Janine T. Bohlmann promovierte und habilitierte im Bereich Verfahrenstechnik und Biotechnologie. Nach über 25 Jahren in Wissenschaft, Industrie und Forschungsmanagement gründete sie 2017 die Crememanufactur Dr. Bohlmann Berlin.

Gemeinsam mit E-Commerce-Experte Conrad Glitza entstand daraus 2022 wasserundoel.de – eine Verbindung aus wissenschaftlicher Expertise, ehrlicher Naturkosmetik und persönlicher Leidenschaft.

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