Bei Thea Wyler ist Buchliebe kein hübsches Hobby fürs Regal, sondern Beruf, Zuhause und innerer Kompass. Vor 23 Jahren begann sie ihre Lehre in der Buchhandlung Jäggi Büecher im Loeb Bern. Später fehlte ihr in der Münstergass Buchhandlung ausgerechnet das, was sie selbst am meisten liebt: Phantastik. Also holte sie sich den Austausch dorthin, wo andere genauso für Fantasy, Science-Fiction, Steampunk und queere Buchwelten brennen.
Heute ist ihr Bookstagram Account ein Ort für Herzlichkeit, klare Haltung und Bücher, die nicht nach zwei Tagen verpuffen. Thea Wyler mag originelle Ideen, mutige Themen, echte Schwächen und Content ohne generative KI. Im Interview geht es um Bücher als kostbaren Schatz, um starke Frauenfiguren, Female Rage, queere Repräsentation, Naturfotografie mit Spiegelreflexkamera und die Frage, weshalb perfekte Fassaden im Netz selten die spannendsten Geschichten erzählen.
Thea Wyler im Interview
Wann hast du angefangen zu lesen und wann wurde daraus mehr als nur ein Hobby?
Ich habe schon immer sehr gerne gelesen. Irgendwann hat mir eine Freundin von Beruf Buchhändlerin erzählt und dass er doch perfekt für mich wäre. Damit hatte sie natürlich recht. Deshalb habe ich vor 23 Jahren in der Buchhandlung Jäggi Büecher im Loeb Bern meine Lehre begonnen.
Als Bloggerin habe ich mich vor sieben Jahren auf Instagram angemeldet. Damals habe ich eine neue Stelle in der Münstergass Buchhandlung in Bern angenommen. Diese führte keine Phantastik im Sortiment, meine liebste Sparte. Mir hat der Austausch mit gleichgesinnten Leser:innen so gefehlt, dass ich einen Bookstagram-Account erstellt habe.
Gibt es ein Buch, das dich besonders geprägt hat oder dich „in die Bücherwelt gezogen“ hat?
Nicht nur eins. Viele Bücher haben mich im Laufe der Jahre geprägt. Von der Raupe Nimmersatt (Eric Carle) über Der kleine Wassermann (Otfried Preussler) bis hin zu Pippi Langstrumpf (Astrid Lindgren), Die rote Zora (Kurt Held) und Aischa oder die Sonne des Lebens (Federica de Cesco). In der Jugend auch die Bücher von Brigitte Blobel, welche wichtige Themen wie Magersucht angesprochen haben.
Mir wurde als Kind oft vorgelesen. Seit damals bin ich in der Bücherwelt zuhause. Seit ich selbst lesen kann, sowieso.
Wie wählst du deine Bücher aus – eher spontan wegen Cover, Klappentext oder Empfehlungen?
Als sehr visueller Mensch entscheide ich oft anhand des Covers, ob mich ein Buch anspricht. Allerdings kenne ich auch die meisten Verlagslogos und kann so recht gut einschätzen, was mich erwartet. Klappentexte klingen häufig ähnlich oder verraten zu viel. Das ärgert mich, weil ich Spoiler hasse. Sie nehmen mir besonders bei Krimis und Thrillern die Spannung.
Ansonsten vertraue ich auf Empfehlungen von Menschen, die einen ähnlichen Lesegeschmack haben (on- und offline). Auch originelle Rezensionen können mein Interesse wecken, ein schönes Artwork zum Buch ohne KI oder erfrischendes Marketing wie zum Beispiel von der Schweizer Selfpublishing Autorin Evelyne Aschwanden (@evelyne_aschwanden).
Welche Genres oder Themen ziehen dich immer wieder an? Gibt es auch Dinge, die du bewusst meidest?
Ich lese seit 28 Jahren am allerliebsten in der vielfältigen Phantastik: Fantasy und Science-Fiction mit ihren vielen faszinierenden Subgenres wie Dystopien und Steampunk. Wenn sie noch queere Repräsentation haben, umso besser.
Ansonsten lese ich querbeet was mich anspricht: Young und New Adult aller Art, Krimi, Thriller, Romantic History, Kinder- und Jugendbücher und viele mehr.
Aus persönlichen Gründen meide ich wenn immer möglich Bücher, in denen ein Geschwister stirbt und in denen der Trauerprozess ganz ausführlich aufgearbeitet wird. Ich hatte schon immer Mühe mit Büchern, in denen Kinder gequält oder ermordet werden. Seit ich Mama bin, möchte ich das gar nicht mehr lesen.
Liest du jedes Buch bis zum Ende oder brichst du auch mal eines ab? Wenn ja, wann entscheidest du das?
Ich habe als Buchhändlerin gelernt, sie abzubrechen. Ich möchte keine Leseflaute riskieren. Meine Zeit ist mir zu schade für Bücher, die mich quälen, bei denen mich das Thema nicht (mehr) interessiert, die problematisch sind. Am Meisten breche ich ab, weil ich gelangweilt bin.
Oft von Büchern, die als Thriller vermarktet werden, aber keine Thriller sind. Oder von mehrteiligen Fantasy-Reihen, die langatmig geschrieben sind. Es ist für mich eine Erleichterung, solche Bücher abzubrechen. Ich suche dann ein neues Zuhause für solche Titel.
Welche Autor:innen hast du zuletzt neu entdeckt und was begeistert dich an ihnen?
Die Schweizer Self Publishing Autorin Susan Ottiger. Sie hat mich mit ihrer Fantasy-Dilogie «Der Fluch des Feuergreifs/Die Magie des Feuergreifs» tief beeindruckt. Ihre Bücher wirken immer noch nach. Kindra hat die Krankheit ME/CFS, im Buch «Unendliche Erschöpfung» genannt. Sie ist eine der stärksten Heldinnen, die ich kenne. So bewundernswert, wie sie für andere einsteht.
Es geht auch stark um found family. Aus einer Gruppe Aussenseiter:innen, ausgelacht und verspottet, wird eine Familie, die allen Widrigkeiten trotzt. Dazu kommt ein einzigartiges und herzerwärmendes Seelentier von Kindra.
Die Schweizerin Jessica Juni kenne ich schon mehrere Jahre. Im 2026 Jahr habe ich ihre beiden New Adult Romance Bücher gelesen: «It’s right, just not right now» im Selfpublishing und «Lautlos fallen wir» im Zytglogge Verlag.
Beide haben mich berührt, bewegt und zum Weinen gebracht. Mir gefällt, wie die Autorin wichtige Mental Health Themen behandelt. Häusliche Gewalt im ersten, Magersucht und Verlust im zweiten Buch. Sie gibt diesen Themen wichtige Sichtbarkeit.
Noah Stoffers hat mich mit dem Urban Fantasy Buch «Cage of the Moon» im Knaur Verlag begeistert. Eine richtig erfrischende Idee. Drei Seelen werden in San Francisco gegen ihren Willen durch ein uraltes Ritual aneinander gebunden.
Was bedeutet das jetzt für den Werwolf, die Vampirin und den Menschen mit magischen Kräften? Dieser spannenden Frage gehen die drei im Buch nach. Können sie einander vertrauen? Was bedeutet dieses Band für den Konsens?
Thea Wyler sucht Magie mit Haltung
Wie hat Bookstagram deine eigenen Lesegewohnheiten verändert?
Ich tausche mich noch mehr über Bücher aus. Und das Besondere: in sehr vielen Fällen kann ich mich sogar mit den Autor:innen austauschen und ihnen direkt schreiben, wie mich ihr Buch begeistert hat. Das ist großartig.
Dank Bookstagram erfahre ich oft direkt von Autor:innen und kleinen Verlagen, wenn spannende Bücher erscheinen. Meine Wunschliste explodiert. Die Qual der Wahl.
Ich tracke nun auch meine Lesefortschritte, abgeschlossene und abgebrochene Bücher. Zuerst auf lovelybooks.de, mittlerweile in der Reado App. Data Visualisierung finde ich spannend, deshalb mag ich das sehr.
Außerdem finde ich nicht nur Buchtipps. Ich entdecke Buch-Events in der Nähe und lerne neue Buch-Menschen kennen. Manche treffe ich auch persönlich. Das sind Highlights für mich.
Was macht für dich einen Account wirklich interessant – was bringt dich dazu, jemandem zu folgen?
Ich mag originelle/frische Ideen, mutige Themen, wenn Unperfektes gezeigt wird wie Fehler und Schwächen, Accounts mit einem Wiedererkennungseffekt sowie ohne generative KI.
Außerdem schätze ich, wenn die Menschen dahinter authentisch, offen und nahbar sind. Am Wichtigsten sind mir Austausch, Herzlichkeit und gegenseitiger Support. So habe ich online wahre Freund:innen gefunden.
Was bringt dich dazu, ein Buch sofort kaufen oder lesen zu wollen?
Queere Themen, Steampunk weil das leider selten geworden ist, einzigartige Welten, die ich unbedingt entdecken will.
Was überzeugt dich, ein Buch aktiv weiterzuempfehlen oder darüber Content zu machen?
Wenn mich ein Buch begeistert, fasziniert, zum Nachdenken gebracht hat, mich immer noch beschäftigt, spreche ich darüber, zeige es, empfehle es weiter. Bei Highlights immer und immer wieder.
Bücher, die mich enttäuschen und Abbrüche, bekommen bei mir weniger Content. Am ehesten noch in Real Talks über problematische Inhalte, Triggerwarnungen, etc.
Rezensionsexemplare nehme ich selten an, weil ich meine Lesezeit mit dem Töchterchen nicht frei einteilen kann. Sie sind Arbeit, was mir manchmal ein bisschen die Freude nimmt. Gerade wenn eine Rezension rasch erwartet wird. Neben dem Schreiben brauche ich auch Ideen und Zeit für passende Bilder. Ich fotografiere am liebsten in der Natur mit meiner Spiegelreflex Kamera.
Welche Art von Kooperationen mit Autor:innen oder Verlagen findest du spannend und welche eher nicht?
Spannend finde ich: Kooperationen für interessante Bücher, besondere Buch-Events, Buchhandlungen, welche mich mit der Präsentation und dem Sortiment inspirieren, Verlage mit Geheimtipps und/oder queeren Büchern und generell alles was mich fasziniert.
Meine Liebe zum Buch ist überall auf meinem Account zu spüren. Ich könnte deshalb nur für eine Sache werben, die mich wirklich begeistert. Alles andere wäre unglaubwürdig. Eine offene Kommunikation ist mir auch wichtig.
Welche Tipps würdest du angehenden Bookstagrammer:innen geben?
Fangt am besten heute noch an. Teilt eure Liebe für Bücher, Buchhandlungen und Lesungen. Probiert Dinge aus. Ihr müsst nicht perfekt sein. Bleibt lieber authentisch, herzlich und empathisch. Glaubt an euch. Ihr seid wertvoll und wunderbar.
Stellt eure Fragen, teilt eure Unsicherheiten. Ich und viele weitere liebe Menschen auf Bookstagram haben ein offenes Ohr für euch. Eine treue Community aufzubauen braucht Zeit und Geduld.
Wenn du selbst ein Buch schreiben würdest – worum würde es gehen?
Schwer zu sagen, meinen Traum vom Schreiben habe ich schon lange begraben. Ich würde etwas schreiben, das ich selbst gerne lese. Steampunk, eine Dystopie oder ein origineller Genre-Mix wie Mortal Engines von Philip Reeve. Dazu starke Frauenfiguren und das Thema Female Rage.
Weil ich mir mehr Diversität auf dem Buchmarkt wünsche außerdem queere Figuren, PoC, Sichtbarkeit für Menschen mit einer Krankheit oder einer Behinderung.
Mehr von Thea Wyler gibt es auf Instagram mit Phantastik, starken Buchmomenten und ehrlichen Empfehlungen für alle, die Literatur mit Haltung lieben.







