Interviews

Sakithya „Sasa“ Sivananthan liest sich frei

Manche Menschen finden Bücher nicht im perfekten Lesezimmer, sondern zwischen Bibliotheksausweis, Sommerferien und einem Alltag, der früh Verantwortung verlangt. Für Sakithya „Sasa“ Sivananthan waren Bücher nie bloß schöne Dinge im Regal. Sie waren Zugang zu Fantasie, Bildung, anderen Lebensrealitäten und später auch ein Ausweg aus stressigen Tagen.

Heute ist Lesen für sie Me-Time, Fluchtpunkt und Fenster in Perspektiven, die im Alltag oft zu kurz kommen. Auf Bookstagram teilt sie diese Begeisterung mit einer Community, die ihren Empfehlungen vertraut. Im Interview wird klar, weshalb Bücher für Sasa mehr können als unterhalten, warum Authentizität wichtiger bleibt als perfekter Content und weshalb echte Buchliebe kein teures Set-up braucht.

Sasa Sivananthan im Interview

Interview Sasa Sivananthan

Wann hast du angefangen zu lesen und wann wurde daraus mehr als nur ein Hobby?

Meinen Eltern war Bildung immer sehr wichtig und sie haben früh verstanden, wie sehr Lesen die Kreativität und Fantasie fördern kann. Da ich aus einer einkommensschwächeren Familie komme, war es für uns nicht selbstverständlich, Bücher kaufen zu können.

Wir waren bestimmt dreimal die Woche in der Stadtbibliothek und mein Papa hat uns teilweise regelrecht zum Lesen gezwungen, wofür ich ihm heute wirklich sehr dankbar bin. Ich glaube, dass genau dort meine Leidenschaft für Bücher entstanden ist.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine bundesweite Aktion der Bibliothek, die sich „Lesesommer“ nannte.

Während der Sommerferien konnte man Bücher lesen, wurde anschließend dazu interviewt und bekam dafür Stempel. Ich habe über viele Jahre mitgemacht und meine kompletten Sommerferien in der Bibliothek verbracht. Das hat meine Verbindung zu Büchern definitiv geprägt.

Gelesen habe ich eigentlich seitdem immer, auch wenn es zwischendurch Phasen gab, in denen das Leben einfach dazwischen kam. So richtig mehr als nur ein Hobby ist das Lesen für mich erst im letzten Jahr geworden. Mir hat einfach der Austausch zu Büchern gefehlt.

Also habe ich angefangen, meine Rezensionen auf Social Media zu teilen. Mittlerweile ist daraus eine Community entstanden, die sich teilweise auf meine Empfehlungen verlässt und Bücher aufgrund meines Contents kauft.

Dadurch sind auch Verlage auf mich aufmerksam geworden und daraus entstehen Kooperationen. Das ist für mich aber eher ein schöner Nebeneffekt, der erst in letzter Zeit dazugekommen ist.

Liest du jedes Buch bis zum Ende oder brichst du auch mal eines ab? Wenn ja, wann entscheidest du das?

Ich zwinge mich niemals dazu, ein Buch weiterzulesen, wenn es mir einfach nicht gefällt. Es gibt aber unterschiedliche Gründe, warum ich ein Buch zur Seite lege. Manchmal ist der Alltag einfach so stressig, dass mir die Konzentration zum Lesen fehlt. Dann pausiere ich ein Buch auch mal länger – das liegt aber weniger am Buch selbst, sondern eher an meiner aktuellen Lebenssituation.

Manchmal merke ich aber auch, dass mich eine Geschichte einfach nicht mehr interessiert oder dass ich mich regelrecht zum Weiterlesen zwingen muss und dadurch in eine Leseflaute rutsche. Dann breche ich das Buch lieber ab. Nicht jedes Buch muss etwas für einen sein und das ist vollkommen okay. Lesen soll für mich schließlich etwas Schönes sein und sich nicht wie eine Pflicht anfühlen.

Welche Autor:innen hast du zuletzt neu entdeckt und was begeistert dich an ihnen?

Eine Autorin, die ich erst in letzter Zeit so richtig für mich entdeckt habe, ist R. F. Kuang. Mein erstes Buch von ihr war Yellowface und das hat mich direkt gepackt. In dem Buch geht es um eine erfolglose Autorin, die nach dem plötzlichen Tod ihrer erfolgreichen Schriftstellerfreundin deren unveröffentlichtes Manuskript an sich nimmt und unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht.

Daraus entwickelt sich eine Geschichte rund um Erfolg, Neid, kulturelle Aneignung und die Frage, wem bestimmte Geschichten eigentlich „gehören“.

Ich fand vor allem Kuangs Schreibstil unglaublich. Sie schreibt so raffiniert, scharf und wortgewandt und schafft es gleichzeitig, dass sich das Buch total schnell liest. Man liest das Buch aus der Perspektive der Antagonistin und möchte sich am liebsten die Haare rausziehen, so sehr fühlt man beim Lesen mit.  Man merkt einfach, wie intelligent und durchdacht ihre Texte sind. Yellowface war für mich definitiv ein absolutes Highlight!

Eine weitere Autorin, die ich für mich entdeckt habe, ist Taylor Jenkins Reid. Viele kennen sie wahrscheinlich durch The Seven Husbands of Evelyn Hugo, aber mein erstes Buch von ihr war tatsächlich Atmosphere. Die Geschichte spielt im Umfeld der NASA und folgt einer starken weiblichen Protagonistin, die ihren Traum verfolgt, Astronautin zu werden.

Mich hat dieses Buch wirklich komplett in seinen Bann gezogen. Unfassbar emotional und gleichzeitig so bildlich geschrieben, dass ich beim Lesen teilweise das Gefühl hatte, einen Film vor mir zu sehen. Große Empfehlung!

Sasa Sivananthan macht Lesen zur Me-Time

Zitat Sasa Sivananthan

Wie hat Bookstagram deine eigenen Lesegewohnheiten verändert?

Gerade in einem sehr stressigen Alltag ist Lesen für mich zu einer Art Escape geworden. Besonders bei fiktiven Geschichten kann ich komplett abschalten, für einen Moment aus meinem eigenen Alltag verschwinden und in eine andere Welt eintauchen. Es ist für mich richtige Me-Time geworden.

Ich bin generell jemand, der versucht, das eigene Leben zu romantisieren. Und das verbinde ich mittlerweile total mit dem Lesen. Ich nehme mir ganz bewusst ein Buch mit nach draußen, setze mich damit auf eine Wiese, gehe in die Natur oder alleine in ein Café und lese dort. Ich genieße es mittlerweile richtig, solche Momente nur für mich zu haben und mir diese Zeit auch bewusst zu nehmen.

Gleichzeitig hat mir das Lesen gezeigt, wie viel man aus Büchern mitnehmen kann: Auf Social Media liest man manchmal Kommentare wie: „Ihr lest doch nur Romance“ oder „Ihr lest doch nur Fantasy“, als wären diese Genres automatisch weniger wertvoll. Dabei werden gerade in fiktionalen Geschichten so viele gesellschaftliche und persönliche Themen verarbeitet.

Autoren greifen Dinge auf, mit denen man im eigenen Alltag vielleicht nie in Berührung kommen würde oder über die gesellschaftlich noch viel zu wenig gesprochen wird wie z.B. Mental Health, Sexualität, soziale Ungleichheit, Rassismus und Diskriminierung.

Durch Bücher bekommt man Zugang zu anderen Perspektiven und Lebensrealitäten und genau das schätze ich mittlerweile noch viel mehr am Lesen!

Welche Tipps würdest du angehenden Bookstagrammer:innen geben?

Ich würde meine Tipps in zwei Bereiche aufteilen.

Der erste klingt vielleicht etwas plump, ist für mich aber der wichtigste: Bleib dir selbst treu. Ich folge selbst gerne anderen Buchbloggern und merke schnell, wenn sich die Persönlichkeit einer Person im Content widerspiegelt. Für mich sind genau die Accounts spannend, bei denen man wirklich echte Freude am Lesen und am Austausch spürt und nicht nur den Wunsch, möglichst viele Follower zu bekommen.

Dazu gehört auch, authentisch zu bleiben. Wenn mir ein Buch nicht gefallen hat, darf ich das genauso sagen. Und wenn ich in einer Leseflaute bin, kommuniziere ich das offen, anstatt mich für neuen Content zum Lesen zu zwingen.

Der zweite Bereich sind die praktischen Tipps. Vor dem Start hilft es, sich grob zu überlegen: Welche Art von Content möchte ich machen? Welche Genres lese ich? Wen möchte ich erreichen und wie soll mein Account heißen? Tools wie Canva (zur Bildbearbeitung), Cap Cut oder die Edits-App (beides zur Videobearbeitung) von Instagram reichen für den Anfang vollkommen aus.

Man braucht weder Pro-Versionen noch das perfekte ästhetische Set-up. Sobald man Rezensionsexemplare annimmt oder mit Bookstagram Geld verdient, sollte man sich außerdem frühzeitig mit Themen wie Impressum und Gewerbeanmeldung auseinandersetzen.

Was ist der ungewöhnlichste Ort, an dem du jemals gelesen hast?

Der ungewöhnlichste Ort war wahrscheinlich auf einem Speedboat in Thailand. Wir waren im Urlaub und mussten mit dem Boot von einer Insel zur nächsten fahren. Eine Stunde Fahrt und mir war irgendwann langweilig und weil auch noch meine Kopfhörer keinen Akku mehr hatten, habe ich einfach meinen Kindle ausgepackt und angefangen zu lesen.

Man sollte nur definitiv nicht seekrank sein! Ob ich es unbedingt jedem empfehlen würde, weiß ich nicht, aber es war auf jeden Fall eine Erfahrung und wahrscheinlich der ungewöhnlichste Ort, an dem ich bisher gelesen habe.


Mehr von Sasa gibt es auf Instagram mit ehrlichen Buchempfehlungen, Lese-Escapes und viel Liebe für Geschichten, die neue Perspektiven öffnen.

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