Manche Bücher entstehen nicht aus einer Idee, sondern aus einem inneren Druck. Aus Gedanken, die zu laut werden. Aus Erinnerungen, die endlich rausmüssen. Bei Vanessa Gerbeth war Schreiben lange Ventil, Schutzraum und Rückweg zu sich selbst.
Mit „Heute geh ich trotzdem raus“ legt sie ein Buch vor, das nicht glatt sein will. Es geht um Sozialphobie, Mobbing, Scham, Überlebensstrategien und den Mut, stehen zu bleiben, während alle anderen weiterhetzen. Im Interview erzählt Vanessa Gerbeth, weshalb ihre Texte ungeschönt, roh und intensiv sein sollen, warum echte Geschichten auch unbequem sein dürfen und wieso ihr nächstes Projekt eine ganz andere Seite zeigen wird.
Interview mit Vanessa Gerbeth
Wann hast du gemerkt, dass du schreiben möchtest und was hat dich dazu gebracht, dranzubleiben?
Schon als kleines Mädchen hatte ich immer einen sehr vollen Kopf. So voll, dass ich immer das Gefühl hatte, dass mir die Ideen und Geschichten zu den Ohren rausquollen. Wenn die Realität zu beängstigend wurde, gaben mir alternative Welten, in denen alles anders war, immer ein bisschen Hoffnung.
Außerdem waren Worte und ich schon immer beste Freunde. Sie waren irgendwie das Beständigste in meinem Leben.
Ich denke, das hat vor allem mit typischen Kinderspielen, wie Barbie oder meinem geliebten Playmobilhaus begonnen, in denen ich Geschichten erzählt und Figuren zum Leben erweckt habe. Das Schreiben selbst begann aber parallel schon mit meinen Tagebüchern. Die zeigten zwar reale Geschichten, die nicht unbedingt fröhlich waren, aber eine Sache hatte ich gelernt: Auf’s Papier, aus dem Kopf. Es war wie ein Ventil.
In der Grundschule war mein bestes Fach schon immer Deutsch und ich war auch irgendwie die einzige, die sich auf das Deutsch Abitur richtig gefreut hatte. Meine Deutschlehrerin hatte mich damals schon fördern wollen und hat mich für einen Begabtenkurs fürs kreative Schreiben motiviert. Dort habe ich dann meine allererste Kurzgeschichte geschrieben und sogar einen Literaturwettbewerb gewonnen.
Nach dem Abitur ging es direkt ins Arbeitsleben und mir flogen einige private Probleme um die Ohren, weswegen ich das Schreiben aus den Augen verloren hatte. Das heißt, ich bin nicht wirklich „dran geblieben“, sondern das Schreiben hatte mich Jahre später wieder gefunden, als ich bereit dafür war.
Was inspiriert dich aktuell am meisten für deine Geschichten?
Das autobiografische Buch war eher eine persönliche Angelegenheit, um das Thema abzuschließen, aber auch der Welt mein Learning mitzugeben. Weil ich denke, dass das vielen eine Hilfe sein könnte, die am Anfang der Reise stehen. Aber mein Herz schlug schon immer dafür, Romane zu schreiben.
Seit ich denken kann, trage ich so viele Emotionen in mir und irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass manche davon gar nicht mir gehören, sondern den Buchcharakteren, die von mir geschrieben werden wollen.
Ich würde als meine größte Inspiration meine eigene Gefühlswelt beschreiben, weil sie so gewaltig und stark ist, dass jede einzelne Empfindung eine Geschichte braucht – versteht man das irgendwie, haha?
Ich bin aber auch eine selbsternannte Profi-People-Watcherin. Ich sehe so gerne Menschen beim Leben zu und muss immer daran denken, dass es Romanreihen sind, die da draußen rumlaufen. Mit Plot, mit Twist, mit Nebencharakteren – MIT ALLEM!
Und mich kribbelt es einfach regelmäßig in den Fingern, diese Geschichten niederzuschreiben. Immerhin will ich wissen, wie es ausgeht, checkt ihr?
Wie würdest du deinen Schreibstil oder deine Bücher in wenigen Worten beschreiben?
Da fallen mir direkt drei Worte ein – ungeschönt, roh und intensiv.
Ich möchte unbedingt, dass meine Bücher ein bisschen unbequem sind für die Lesenden. Also irgendwelche dunklen Ecken in der Seele beleuchten, von deren Existenz man vorher eigentlich verschont wurde. Mein Schreibstil lässt zwar Interpretationsspielraum, aber soll schon genau den wunden Punkt treffen, den ich beabsichtige – zumindest wenn die Lesenden bereit sind, sich darauf einzulassen.
Gibt es Themen oder Emotionen, die sich wie ein roter Faden durch deine Geschichten ziehen?
Ich merke, dass ich ein großes Bedürfnis habe, den Menschen das Menschsein näher zu bringen und die Scham vor sich selbst zu verlieren. Ich glaube das UND es wird sich vermutlich durch all meine Bücher ziehen, dass ich die Lesenden aus der Reserve locken möchte.
Jedes Buch soll sich so anfühlen, als würde ich den Lesenden direkt in die Augen sehen, sie dabei an ihrem Kragen etwas näher an die Seiten ziehen und sie dazu zu bringen mir ihr tiefstes Inneres zu verraten.
Themen wie Einsamkeit, das Erwachsenwerden, ehrliche Struggles und etwas Kritik an gesellschaftlichen Themen werde ich – Stand jetzt – immer mit einbinden, weil es mir ein persönliches Bedürfnis ist, in den Diskurs zu gehen.
Vanessa Gerbeth findet Worte für Unsichtbares
Wie sieht dein typischer Schreibprozess aus – eher geplant oder intuitiv?
Wie ein absoluter Chaoshaufen um ehrlich zu sein. Also ich plane zwar den perfekten Schreibtag und romantisiere the shit out of it, aber es läuft nie so ab, wie ich mir das vorstelle. Ich muss wirklich mehrere Vorkehrungen treffen, damit ich in meinen Schreibtunnel komme.
Wenn ich einmal dort bin, dann kann mich da auch niemand wieder rausholen, aber alles davor ist einziger Akt. Ich lasse mich von allem Möglichen ablenken und habe immernoch dieses Problem, dass ich nicht anfangen möchte, weil ich Angst vorm Scheitern habe. Ich steh mir da sehr oft selbst im Weg.
Das heißt der typische Schreibprozess beginnt mit mir, die sehr früh aufsteht (7 Uhr meistens), Musik anmacht, sich dann einen fetten Arschtritt muss und das Handy unbedingt im Schlafzimmer lassen muss und zieht sich dann über den gesamten Tag in meiner Küche mit meinem Laptop, Wasser und Kaffee.
Welche Szene oder welcher Moment aus deinen Büchern ist dir besonders im Kopf geblieben und warum?
Es gibt eine Szene, über die ich noch nicht reden kann, weil das Buch noch nicht draußen ist, aber was ich dazu sagen kann, ist, dass ich sie mit meinen Freundinnen „nachgespielt“ habe und alle Tränen in den Augen hatten und ausgeflippt sind.
Ich weiß noch, dass mich jede einzelne Reaktion so happy gemacht hat, weil ich über die Jahre mein Schreiben und meine Ideen versteckt gehalten habe und so auch kein Feedback bekommen habe. Da lösen so starke Emotionen nochmal was ganz anderes in einem aus, wenn man sieht, wie Menschen auf die eigenen Ideen reagieren.
Was „Heute geh ich trotzdem raus“ betrifft, war es vor allem die Mobbinggeschichte zu schreiben und nochmal alles Revue passieren zu lassen. Ich hatte definitiv unterschätzt, wie schwer das wird und hätte nie gedacht, dass ich „Pausen“ brauche beim Schreiben. Ich dachte, ich gebe einfach alles wieder, was passiert war, aber dann fiel mir mittendrin auf, dass ich das noch nie getan habe.
So von Anfang bis Ende hatte ich die Geschehnisse noch nie erzählt, nicht mal mein Therapeut hatte die Details, die im Buch stehen. Mir ist auch während des Schreibens bewusst geworden, dass ich nicht einmal in meinen Tagebüchern darüber geschrieben hatte, weil die Erinnerung und die Geschehnisse so grausam für mich waren.
Als dieser Teil des Buches fertig war und ich die ersten Menschen hab drüber lesen lassen, gab es auch einige Momente, die mir im Kopf geblieben sind. Ich wurde plötzlich mit so viel Mitgefühl und Liebe überschüttet, dass ich dauerhaft irritiert war, weil nicht ich das alles gespürt habe, sondern die kleine Vanessa von damals.
Was sollen Leser:innen fühlen oder mitnehmen, wenn sie dein Buch beendet haben?
Ich wünsche mir sehr, dass sich jeder, der das Buch beendet, etwas mehr gesehen fühlt und spürt, dass er es auch wert ist, gesehen zu werden.
Dafür muss ich aber etwas ausholen: Ich stelle mir unsere Gesellschaft immer als einen voll überlaufenen Fußgängerüberweg vor, auf dem jeder Mensch unfassbar schnell läuft, obwohl eigentlich die ganze Zeit grün ist. Aber die meisten sind getrieben von der Angst, dass es jeden Moment rot werden könnte. Also rennen die meisten.
Jeder versucht so schnell es geht auf die andere Straßenseite zu kommen und das ohne Rücksicht auf Verluste. Und bei diesem Chaos werden Menschen, die gerne etwas langsamer gelaufen wären, in Mitleidenschaft gezogen. Sie werden geschubst, fallen hin und müssen dann erstmal wieder ihre Sachen aufheben, um weiterzulaufen.
Nur läuft jeder in Rekordgeschwindigkeit weiter, sodass manche keine Chance bekommen, die Dinge aufzuheben, die ihnen wichtig sind. Dinge, die notwendig sind, um ein qualitatives Leben zu leben. Also werden sie einfach irgendwie vom Strom der Gesellschaft mitgeschleift.
Und am Ende merkt niemand, dass sie unfassbare Schwierigkeiten haben, alleine zu laufen. Denn seit Jahren werden sie von diesem Strom der Rastlosigkeit mitgezogen.
Ich möchte genau diesen Menschen die Hand reichen und mit ihnen gemeinsam für einen Moment in diesem Strom stehen bleiben und Innehalten. Das Buch soll mich nacktmachen, um den ersten Schritt in Richtung Enttabuisierung zu machen.
Ich möchte die unangenehmen und echten Seiten der Sozialphobie zeigen, damit darüber endlich gesprochen wird und Menschen die Scham verlieren. Wenn die Leser:innen das Buch beendet haben, möchte ich, dass sie sich daran erinnern, dass sie in dem Strom sehr wohl stehen bleiben dürfen.
Wie die meisten Angststörungen, ist die soziale Phobie am gefährlichsten, wenn sie weggelächelt und unter den Tisch gekehrt wird. Und entwickelte Überlebensstrategien und dysfunktionale Verhaltensweisen können sich plötzlich „normal“ anfühlen.
Ich hoffe, dass meine Geschichte, die Strategien und Gedankengänge, die ich teile, die Lesenden dazu motivieren, nach Mehr zu streben und einiges zu hinterfragen. Ich möchte die ein oder andere Person liebevoll aus der Reserve locken und aufzeigen, welche scheinbar harmlosen Umstände das Leben einschränken und worauf wir Einfluss nehmen können.
Woran arbeitest du gerade und worauf dürfen sich deine Leser:innen als Nächstes freuen?
Diese Frage ist so aufregend für mich, dass ich gerade einfach nur wie blöd grinsen muss hahaha. Auf meinem Laptop schlummern mehrere Ideen, die endlich umgesetzt werden wollen, aber eine davon flirtet schon seit Monaten mit mir.
„Heute geh ich trotzdem raus“ war mir ein persönliches Anliegen, denn auch ich muss mit dieser Geschichte abschließen, damit ich heute vollständig die Person sein kann, die sich daraus entwickelt hat.
Was ich bereits verraten kann, ist, dass das nächste Buch etwas ganz anderes wird. Ich sitze aktuell an einem Roman (oder mehreren?), der eine neue Seite von mir zeigen wird, die man bisher nur teilweise auf Social Media erahnen konnte und von der nur meine engsten Freundinnen wissen. Es wird wütend, es wird spannend, aber vor allem – wird es sexy.
Mehr von Vanessa Gerbeth gibt es auf Instagram und TikTok mit ehrlichen Gedanken, Schreibmomenten und Einblicken in ihre Bücher.







