Interviews

Angela Schreiner macht Ausland familienfest

Angela Schreiner weiß, warum ein Umzug ins Ausland weit mehr ist als Kisten packen und neue Adressen organisieren. Gerade Familien stehen vor emotionalen, kulturellen und organisatorischen Herausforderungen, die oft unterschätzt werden. Wenn Kinder nur mitlaufen sollen und Sorgen keinen Raum bekommen, startet das Abenteuer mit unnötigem Druck.

Sie erklärt, weshalb erfolgreiche Entsendungen nicht nur vom Job abhängen, sondern vom Wohlbefinden aller Beteiligten. Wer Kinder früh einbindet, Gefühle ernst nimmt und den Auslandsaufenthalt als gemeinsames Projekt lebt, schafft die Basis für echte Stärke statt Dauerstress. Ein Interview für Familien und Unternehmen mit internationalem Blick.

Angela Schreiner im Interview

Interview Angela Schreiner

Welche Herausforderungen erleben Familien bei einem Umzug ins Ausland am häufigsten?

Aus meiner Beratungspraxis weiß ich, dass Familienentsendungen vor allem durch die vielen unterschiedlichen Bedürfnisse innerhalb der Familie herausfordernd werden. Jedes Familienmitglied erlebt den Umzug ins Ausland, das neue Leben vor Ort und die damit verbundenen Veränderungen auf seine ganz eigene emotionale Weise.

Wie wird die Nachricht des Umzugs ins Ausland von jedem Familienmitglied aufgenommen? Wie geht jeder einzelne in der Familie mit dem Thema Abschied um? Auch der Prozess des Einlebens im neuen Land gestaltet sich für jedes Familienmitglied unterschiedlich lang und mehr oder weniger reibungslos. All das bei der Entsendung unter einen Hut zu bringen, erleben Familien häufig als Herausforderung.

Warum wird die Perspektive der Kinder bei Auslandsentsendungen oft unterschätzt?

Die Perspektive von Kindern bei Auslandsentsendungen wird häufig unterschätzt, da sie oft lediglich als „Anhang“ der entsandten Fachkraft betrachtet werden. Der eigentliche Fokus liegt in der Regel auf den erwerbsarbeitsbezogenen Zielen der Entsendung, während die Bedürfnisse und Erfahrungen der Kinder in den Hintergrund treten.

Aber auch eine rein erwerbsbezogene Sichtweise sollte bei einer Familienentsendung die Kinder im Blick haben. Denn aus Sicht der Family-Work-Conflict-Theorie (also der wechselseitigen Beeinflussung von Berufs- und Familienrollen) entstehen für Expat-Familien deutliche Nachteile, wenn die Bedürfnisse der mitreisenden Kinder nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Denn es wirkt sich nicht nur auf die Kinder selbst aus, sondern auch auf die berufliche Leistungsfähigkeit der Eltern und den Erfolg der Auslandsentsendung insgesamt. Kinder erleben im Ausland oft einen Bruch in ihrem sozialen Umfeld (Freunde, Schule, Sprache). Werden diese Faktoren ignoriert, kann das zu Stress, Anpassungsschwierigkeiten oder sogar Verhaltensproblemen führen.

Diese Belastungen übertragen sich durch die engen innerfamiliären Bindungen (die durch den gemeinsamen Umzug ins Ausland oftmals noch verstärkt werden) auf die gesamte Familie und führt zu erhöhter emotionaler Belastung für die gesamte Familie – alle müssen mehr emotionale und organisatorische Ressourcen aufbringen, um die Familie zu stabilisieren.

Das beeinträchtigt auch die Arbeitsleistung der entsandten Person. Wenn Eltern sich Sorgen um das Wohl ihrer Kinder machen oder ständig Probleme im Familienalltag lösen müssen (z. B. Schulintegration, Isolation), sinkt die Konzentration und Leistungsfähigkeit im Job.

Im Extremfall kann das zu einem vorzeitigen Abbruch der Entsendung führen.

Hinzu kommt der weit verbreitete Mythos, Kinder seien „Anpassungsweltmeister“. Es wird angenommen, dass sie sich mühelos an neue Umgebungen anpassen können, da sie sich ohnehin in einem Entwicklungsprozess befinden und als besonders formbar gelten. Diese Annahme greift jedoch zu kurz.

Kinder stehen bereits ohne zusätzliche Veränderungen vor vielfältigen, altersspezifischen Entwicklungsaufgaben der Kindheit und Jugend, die sie bewältigen müssen. Kommt ein internationaler Umzug hinzu, bedeutet dies eine doppelte Belastung: Sie müssen nicht nur ihre entwicklungsbedingten Herausforderungen meistern, sondern gleichzeitig einen umfassenden Anpassungsprozess durchlaufen.

Zwar zeigt sich langfristig häufig, dass Kinder sich im Ausland schlussendlich sogar deutlich besser integrieren als erwachsene Expats, doch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg dorthin mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein kann. Auch Kinder erleben Unsicherheiten, Verlustgefühle und Anpassungsprobleme im Integrationsprozess.

Die anfänglichen Herausforderungen werden daher oft unterschätzt oder übersehen, obwohl sie einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlbefinden und die Entwicklung der Kinder haben.

Welche Rolle spielt interkulturelle Kompetenz für ein gelungenes Familienleben im Ausland?

Es ist nach wie vor ein wichtiges Tool, um sich in der neuen Kultur zurecht zu finden. Zusammen mit Veränderungskompetenz- der Fähigkeit, sich aktiv an neue kulturelle, berufliche und soziale Umgebungen anzupassen, Herausforderungen konstruktiv zu bewältigen und Wandel als Chance zu nutzen- ist die interkulturelle Kompetenz mit entscheidend für den langfristigen Erfolg und die persönliche Zufriedenheit bei einer Entsendung.

Meiner Erfahrung nach ist es aber insbesondere bei einer Familienentsendung nicht die einzige Kompetenz, die wichtig ist. Die pädagogische Kompetenz der Eltern, ihre Kinder altersgerecht während des Umzugs und beim Einleben im neuen Land zu begleiten, ist ebenfalls ein wichtiger Baustein für eine gelungene Entsendung.

Angela Schreiner kennt Expatfamilien wirklich

Zitat Angela Schreiner

Was sind typische Fehler, die Eltern bei der Vorbereitung auf ein Leben im Ausland machen?

Typische Fehler, die Eltern bei der Vorbereitung auf ein Leben im Ausland machen, liegen häufig weniger im organisatorischen als im emotionalen Bereich. Zwar erfordert ein Umzug ins Ausland eine Vielzahl logistischer Entscheidungen und Planungen, doch gerade dabei geraten die Gefühle aller Beteiligten oft in den Hintergrund.

Diese unausgesprochenen Emotionen verschwinden jedoch nicht – im Gegenteil: Spätestens in der Eingewöhnungsphase im neuen Land treten sie häufig umso stärker zutage und können das Ankommen erheblich erschweren.

Ein weiterer häufiger Fehler besteht darin, Kinder zu wenig in die Vorbereitung einzubeziehen. Dabei ist dies bereits ab einem Alter von etwa drei Jahren möglich und sinnvoll. Wenn Kinder aktiv beteiligt werden, stärkt das ihre Selbstwirksamkeit:

Sie erleben, dass sie ihre Umwelt mitgestalten können und Veränderung nicht hilflos ausgesetzt sind. Diese Erfahrung wirkt sich langfristig positiv auf ihr Selbstbild aus und erleichtert ihnen den Übergang in die neue Lebenssituation.

Ebenso problematisch ist der Umgang mit negativen Gefühlen. Aus Angst, die Vorfreude zu mindern oder die Entscheidung für den Auslandsaufenthalt infrage zu stellen, werden Sorgen, Ängste oder Traurigkeit häufig nicht ausreichend thematisiert.

Doch gerade das Unterdrücken solcher Emotionen kann das Einleben im neuen Land zusätzlich erschweren. Ein offener Umgang mit allen Gefühlen – sowohl positiven als auch negativen – ist daher entscheidend, um als Familie gestärkt in den neuen Lebensabschnitt zu starten.

Wie können Familien sicherstellen, dass der Auslandsaufenthalt für alle Beteiligten positiv verläuft?

Im besten Fall wird jedes Individuum der Familie mit seiner eigenen Persönlichkeit, seinen Stärken und Schwächen und seinen subjektiv empfundenen Herausforderungen gesehen und individuell unterstützt und gleichzeitig wird daran gearbeitet aus der Entsendung eine gemeinsame Sache, ein gemeinsames Abenteuer zu machen.

Jedes Familienmitglied trägt seinen Teil zum „Team Expatfamilie“ bei, damit die Zeit im Ausland zu einer positiven Familienerfahrung wird. Hier sind nicht nur die Familien selbst, sondern auch die entsendenden Unternehmen in der Führsorgepflicht und sollten darauf ausgerichtete Unterstützungsangebote für die Familien anbieten, was derzeit noch nicht ausreichend der Fall ist.

2025 habe ich eine Umfrage unter Expatfamilien durchgeführt.
17 Familien haben daran teilgenommen und folgendes Bild von Entsendungsunterstützung aus Familiensicht gezeichnet:

In der Umfrage wurde deutlich, dass eine Unterstützung durch das Unternehmen vor allem bei Logistik (70,59%) und durch den Look and See Trip (64,71%) stattfindet. Interkulturelle Trainings wurden von Seiten des Unternehmens für 35,29% der Erwachsenen, aber für nur 17,65% der mitausreisenden Kinder angeboten.

Das Angebot eines Sprachtrainings war relativ gut auf alle Familienmitglieder verteilt: 23,53% bei den Erwachsenen und 29,41% bei den Kindern. Alle oben genannten „pauschalen“ Unterstützungsangebote wurden von den Familien auch als hilfreich empfunden, um mit den Herausforderungen einer Auslandentsendung umgehen zu können.

Im krassen Gegensatz dazu stehen auf der Seite der „individuellen“ Unterstützungsangebote: 0% Unterstützung bezogen auf die emotionale Vorbereitung bzw. Unterstützung für alle Familienmitglieder und 0% Stärkung der Elternkompetenz für Umzüge mit Kindern.

Und das, obwohl der größte Teil der Familien sich genau das wünscht- nämlich laut offenen Antworten auf die Frage „Was hätte euch noch geholfen?“: „Coaching“ (4x), „einen Ansprechpartner für offene Fragen“(2x), „emotionale Unterstützung“, „emotionale Vorbereitung“, „Unterstützung für Kind“.

Hier ist das Unterstützungsangebot also noch deutlich ausbaufähig, um sicherzustellen, dass der Auslandsaufenhalt für alle Beteiligten positiv verläuft.

Welchen Tipp geben Sie Familien, die ein Leben im Ausland planen und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?

Fordern Sie frühzeitig Unterstützung durch das entsendende Unternehmen ein, vor allem auch hinsichtlich der emotionalen Komponente. Falls von Unternehmensseite keine Unterstützung angeboten wird, investieren Sie privat in Unterstützungsangebote! Familienabenteuer Ausland bietet zum Beispiel eine Umzugsvorbereitung für die ganze Familie an.

In einem Familienscreening werden die individuellen Bedarfe der Familie ermittelt und passende Unterstützungsangebote von interkulturellen Training, über Schulung der Elternkompetenzen für den Umzug mit Kindern bis hin zum begleitenden Coaching besonders in der Phase des Einlebens implementiert.

Familien können über mein Kontaktformular auf meiner Webseite mit mir in Kontakt treten.

Über Angela Schreiner

Angela Schreiner ist Diplom-Sozialpadagogin und zertifizierte interkulturelle Trainerin. Sie begleitet und berät seit knapp 10 Jahren Expatfamilien vor und während der Entsendung sowie bei der Rückkehr nach Deutschland. Mit ihrem Mann und den zwei Kindern hat sie jeweils drei Jahre in Belgien und in den USA als Expat gelebt.

Angela Schreiner

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