Interviews

Evelyn Ashcroft: Das Interviewprotokoll aus einer Klinik in Queens (1982)

Die Familie Ashcroft führt in London das Textilunternehmen Ashcroft Fabrics, das seit Generationen weitergegeben wird und maßgeschneiderte Sesselbezüge, Vorhänge und Lampenschirme weit über England hinaus liefert. Die Familie gilt als wohlhabend und zurückhaltend. Immer wieder wird sie mit rätselhaften Ereignissen verbunden: ein tödlicher Autounfall, ein spurloses Verschwinden und Gerüchte, die nie bestätigt wurden.

Zu den Personen, über die am wenigsten bekannt ist, gehört Evelyn Ashcroft.

New York, 1982. In einer psychiatrischen Klinik in Queens führt eine junge Psychologin mehrere Gespräche mit einer Patientin, die von einem Mann namens Rael spricht. Die Frau wirkt in manchen Momenten verwirrt, in anderen auffallend klar. Ihre Antworten kreisen um Erinnerungen, einen Spiegel und eine Person, die sie nach eigener Aussage schon lange kennt.

Ein Interviewprotokoll, das mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet.

Als Evelyn Ashcroft, 32, im Winter 1982 in eine Klinik in Queens aufgenommen wird, gibt sie zunächst nur wenige Informationen über sich preis. Sie war ohne Mantel auf einer Polizeiwache erschienen und hatte dort wiederholt gesagt, jemand sei ihr gefolgt.

In den ersten Gesprächen spricht Evelyn kaum über den Grund ihrer Einweisung. Stattdessen erwähnt sie einen Mann namens Rael. Die behandelnde Psychologin hält mehrere Sitzungen auf einem Kassettenrekorder fest. Auszüge daraus bilden die Grundlage des folgenden Interviews.

Die Fragen wurden für die Veröffentlichung redaktionell gekürzt.

„Wann haben Sie Rael zum ersten Mal gesehen?”

Interviewer: Frau Ashcroft, können Sie erzählen, warum Sie hier sind?
Evelyn Ashcroft: Weil ich nicht mehr nach Hause gehen konnte.
Interviewer: Was hat Sie daran gehindert?
Evelyn: Er war dort.
Interviewer: Wer war dort?
Evelyn: Rael.
Interviewer: Ist Rael jemand, den Sie kennen?
Evelyn: Das ist eine merkwürdige Frage. Sie fragen, als wäre er ein Nachbar. Oder ein Mann, den ich einmal auf einer Party getroffen habe.
Interviewer: Wie würden Sie ihn beschreiben?
Evelyn: Ich kann ihn nicht beschreiben. Ich weiß nur, wenn er da ist.
Interviewer: Wann haben Sie ihn zum ersten Mal gesehen?
Evelyn: Das ist nicht richtig. Ich habe ihn nicht zum ersten Mal gesehen. Ich habe irgendwann bemerkt, dass er schon da war.

„Er steht dort, wo ich gerade hingesehen habe”

Interviewer: Sie haben bei Ihrer Aufnahme gesagt, dass jemand Ihnen folgt. Haben Sie diese Person gesehen?
Evelyn: Nicht immer.
Interviewer: Können Sie das erklären?
Evelyn: Wenn ich mich umdrehe, ist niemand da. Aber wenn ich wieder nach vorne sehe, weiß ich, dass er hinter mir steht.
Interviewer: Woher wissen Sie das?
Evelyn: Weil es sich verändert.
Interviewer: Was verändert sich?
Evelyn: Der Raum. Nicht wirklich. Die Möbel sind noch da. Die Tür ist noch da. Aber es ist, als wäre etwas an der falschen Stelle.
Interviewer: Haben Sie das auch in Ihrer Wohnung erlebt?
Evelyn: Im Badezimmer. Da ist ein Spiegel über dem Waschbecken.
Interviewer: Was sehen Sie darin?
Evelyn: Mich. Meistens.
Interviewer: Und manchmal?
Evelyn: Manchmal sehe ich nur, dass ich nicht allein bin.

An dieser Stelle der Aufzeichnung ist eine kurze Pause vermerkt. Evelyn fragt, ob das Gespräch beendet sei. Die Psychologin verneint.

„Sie wollen, dass ich sage, er ist nicht echt”

Interviewer: Haben Sie Angst vor Rael?
Evelyn: Früher.
Interviewer: Und jetzt?
Evelyn: Jetzt habe ich Angst davor, dass Sie mich fragen, ob ich Angst vor ihm habe.
Interviewer: Warum?
Evelyn: Weil Sie dann aufschreiben, dass ich Angst habe. Und wenn ich sage, dass ich keine Angst habe, schreiben Sie, dass ich keinen Bezug zur Wirklichkeit habe.
Interviewer: Was wünschen Sie sich, dass ich aufschreibe?
Evelyn: Dass ich müde bin.
Interviewer: Sind Sie müde?
Evelyn: Sehr.
Interviewer: Was würde Ihnen helfen?
Evelyn: Wenn er aufhören würde, mich an etwas zu erinnern.
Interviewer: Woran sollen Sie sich erinnern?
Evelyn: Das weiß ich nicht mehr.
Interviewer: Sie wissen nicht mehr, woran Sie sich erinnern sollen?
Evelyn: Nein. Das ist das Schlimmste daran.

Ein Name, der nicht auf dem Flur fallen soll

In einer späteren Sitzung fragt die Psychologin, ob Evelyn sich vorstellen könne, dass Rael eine Person sei, die sie mit einer belastenden Erinnerung verbindet.

Interviewer: Könnte Rael jemand aus Ihrer Vergangenheit sein?
Evelyn: Sie möchten, dass ich einen Namen nenne.
Interviewer: Ich möchte verstehen, was Sie meinen.
Evelyn: Nein. Sie möchten einen Namen, den Sie in die Akte schreiben können.
Interviewer: Ist Rael sein richtiger Name?
Evelyn: Das ist der Name, den ich gehört habe.
Interviewer: Von wem?
Evelyn: Von ihm.
Interviewer: Wann hat er Ihnen seinen Namen gesagt?
Evelyn: Ich habe ihn nicht gefragt.
Interviewer: Warum nicht?
Evelyn: Weil ich wusste, dass er ihn mir sagen würde.

Die Psychologin notiert, dass Evelyn danach längere Zeit schweigt. Als das Gespräch fortgesetzt wird, spricht sie nicht mehr über Rael, sondern fragt, ob die Tür im Untersuchungszimmer schon immer an derselben Stelle gewesen sei.

„Haben Sie ihn heute schon gesehen?”

Die letzte erhaltene Gesprächsnotiz stammt aus dem Frühjahr 1982. Sie enthält keine ausführliche Beschreibung des Gesprächs, sondern nur einen kurzen Austausch.

Interviewer: Wie fühlen Sie sich heute?
Evelyn Ashcroft: Besser.
Interviewer: Was ist anders?
Evelyn: Ich glaube, er ist nicht mehr hier.
Interviewer: Rael?
Evelyn: Ja.
Interviewer: Was lässt Sie das glauben?
Evelyn: Sie haben ihn heute nicht erwähnt.
Interviewer: Möchten Sie über etwas anderes sprechen?
Evelyn: Haben Sie ihn heute schon gesehen?
Interviewer: Wen meinen Sie?
Evelyn: Rael.

Danach endet die Abschrift. Ob die Aufnahme an dieser Stelle tatsächlich abbricht oder das Gespräch lediglich nicht weiter dokumentiert wurde, bleibt offen.

Die erhaltenen Auszüge geben keine eindeutige Auskunft darüber, wer Rael für Evelyn Ashcroft ist. Auch die Frage, welche Erinnerung sie so sehr belastet, dass sie immer wieder auf sie zurückkommt, wird nicht beantwortet.

In der letzten Zeile der Akte steht lediglich eine handschriftliche Notiz:

„Patientin bittet darum, das Gespräch beim nächsten Termin nicht im selben Raum fortzusetzen.”

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