Manchmal entscheidet sich nach wenigen Seiten, ob ein Text bleibt. Nicht, weil schon alles perfekt ist. Sondern weil da etwas Eigenes klingt: ein Ton, eine Haltung, eine Stimme, die sich nicht einfach nachbauen lässt.
Thomas Becker arbeitet an genau dieser Schwelle zwischen Manuskript und Buchmarkt. Als Literaturagent liest er mit Blick für Potenzial, Sprache und den Moment, in dem aus einer Idee mehr werden kann. Das Interview macht neugierig auf die Frage, was ein Buchprojekt braucht, bevor es seinen Weg zu einem Verlag findet.
Interview mit Thomas Becker
Wie bist du Literaturagent geworden und was fasziniert dich bis heute an diesem Beruf?
Ich wurde 2024 im Zuge meiner Nominierung für den Young Excellence Award des Börsenblatts von einer Hamburger Literaturagentur angesprochen und schließlich geheadhunted. Zu dieser Zeit war ich Buchhändler und bereits als Content Creator auf Instagram aktiv.
Ich dachte mir damals: Warum eigentlich nicht?
Also habe ich die Gelegenheit ergriffen und bin mehr oder weniger direkt von der Buchhandlung auf die andere Seite des Buchmarkts gewechselt. Im November 2025 habe ich mich schließlich mit meiner eigenen Literaturagentur selbstständig gemacht.
Was mich bis heute an diesem Beruf fasziniert, ist vor allem die Möglichkeit, Bücher schon ganz am Anfang ihrer Reise zu begleiten. Im besten Fall entdecke ich einen Text, von dem zunächst nur sehr wenige Menschen wissen, dass er überhaupt existiert und irgendwann liegt dieses Buch gedruckt in einer Buchhandlung.
Dazwischen liegen unglaublich viele Entscheidungen, Gespräche und Entwicklungsschritte. Genau diesen Prozess finde ich spannend.
Was macht ein Literaturagent eigentlich konkret hinter den Kulissen?
In erster Linie: sehr viel lesen. 😊
Aufgrund meiner starken Präsenz in den sozialen Medien ist mein Manuskript-Postfach eigentlich permanent übervoll. Inzwischen erreichen mich so viele Projekte, dass ich leider gar nicht mehr die Zeit habe, alles ausführlich zu prüfen.
Meine zentrale Aufgabe ist natürlich, Buchprojekte an Verlage zu vermitteln – also die richtige Verlagsheimat für ein Manuskript und die Autor dahinter zu finden.
Dazu gehört aber viel mehr, als einfach nur ein Manuskript per Mail an einen Verlag zu schicken. Ich überlege, welche Verlage und Lektor:innen zu einem Stoff passen, wie wir ein Projekt positionieren, zu welchem Zeitpunkt wir es anbieten und wie wir es präsentieren.
Ein großer Teil meiner Arbeit besteht außerdem aus strategischer Arbeit mit meinen Autor:innen: Wir sprechen über neue Stoffideen, Positionierung, die weitere Karriere und natürlich auch darüber, wie ein Buch nach Vertragsabschluss bestmöglich begleitet werden kann.
Als Literaturagent bin ich prozentual an den Einnahmen meiner Autor:innen beteiligt. Das bedeutet im Grunde: Nur wenn meine Autor:innen erfolgreich sind, bin auch ich erfolgreich. Deshalb liegt mir natürlich sehr viel daran, ihre Veröffentlichungen zu unterstützen.
Durch meine eigene Social-Media-Reichweite habe ich zusätzlich die Möglichkeit, Bücher aus meiner Agentur auch auf meinen Kanälen sichtbar zu machen.
Welche Fehler machen Autor:innen besonders häufig bei Bewerbungen oder Manuskripteinreichungen?
Wenn ich mit „Hallo Frau Becker“ angeschrieben werde, ist das schon einmal kein idealer Start.
Viel entscheidender finde ich aber, ob jemand in der Lage ist, mir relativ schnell zu vermitteln, worum es in seinem Buch eigentlich geht. Manche Autor:innen verlieren sich in sehr langen Erklärungen, Vorgeschichten und Details, bevor überhaupt klar wird, was der Kern ihres Projekts ist.
Wenn es nicht gelingt, eine Geschichte in wenigen Sätzen spannend auf den Punkt zu bringen, lässt meine Aufmerksamkeit relativ schnell nach. Das heißt nicht, dass das Manuskript schlecht sein muss, aber auch ein gutes Buch muss sich zunächst einmal vermitteln lassen.
Woran merkst du schon nach wenigen Seiten, ob ein Stoff Potenzial hat?
Für mich ist es meistens die Kombination aus einer interessanten Sprache und einer interessanten Idee. Wenn ich nach wenigen Seiten merke, dass jemand eine eigene Stimme hat und mich sprachlich festhalten kann, werde ich automatisch neugierig.
Ich glaube tatsächlich: Der Stil schlägt im Zweifel die Story. Eine Geschichte kann man gemeinsam schärfen, Figuren können weiterentwickelt, Spannungsbögen verändert oder dramaturgische Probleme gelöst werden. Aber eine wirklich eigene Erzählstimme ist sehr viel schwieriger herzustellen.
Wenn jemand interessant erzählen kann, lese ich deshalb auch bei einer vermeintlich unspektakulären Ausgangsidee weiter.
Thomas Becker erkennt Stil vor Story
Welche Entwicklungen beobachtest du aktuell besonders stark auf dem Buchmarkt?
Der Buchmarkt versucht verständlicherweise sehr stark, auf bestehende Erfolge und eine gewisse Sicherheit aufzubauen. Wenn ein Thema, ein Genre oder eine bestimmte Art von Buch funktioniert, entstehen schnell weitere Titel, die an diesen Erfolg anknüpfen.
Völlig neue Wege werden dagegen häufig etwas zögerlicher eingeschlagen, weil damit natürlich immer ein wirtschaftliches Risiko verbunden ist – und einen großen Teil dieses Risikos trägt zunächst der Verlag. Er investiert in Lektorat, Herstellung, Marketing und Druck. Wenn sich das Buch am Ende nicht verkauft, ist niemandem geholfen.
Gleichzeitig braucht der Buchmarkt genau diese neuen Wege. Nur so lassen sich neue Zielgruppen erschließen oder im besten Fall sogar Hypes um etwas erzeugen, das vorher noch niemand auf dem Zettel hatte. Ich finde deshalb gerade die Projekte besonders spannend, bei denen man nicht sofort sagen kann: „Das ist genau wie Buch XY.“
Wie sehr beeinflussen BookTok und Social Media heute den Erfolg eines Buches?
Die sozialen Medien haben Autor:innen eine Plattform gegeben, die es in dieser Form früher schlicht nicht gab.
Früher musste man zunächst andere Medien davon überzeugen, über einen zu berichten, um überhaupt eine größere Sichtbarkeit zu erreichen. Heute kann der Weg genau andersherum funktionieren: Man baut sich selbst eine Community auf, schafft über Social Media Aufmerksamkeit – und irgendwann werden klassische Medien auf einen aufmerksam.
Natürlich wird nicht jedes Buch durch TikTok oder Instagram zum Bestseller und Social Media ist auch kein Garant für Erfolg. Aber es ist inzwischen ein unglaublich mächtiges Werkzeug innerhalb der Buchvermarktung.
Ich halte es deshalb für einen Fehler, Social Media als Autor:in grundsätzlich komplett auszublenden. Man muss nicht jeden Trend mitmachen und auch nicht jeden Tag sein Privatleben ins Internet stellen. Aber sichtbar und ansprechbar zu sein, kann heute einen enormen Unterschied machen.
Welche Eigenschaften sollte ein:e Autor:in neben gutem Schreiben unbedingt mitbringen?
Ein gewisses Maß an Offenheit gegenüber Menschen, ein gesundes Selbstbewusstsein und idealerweise auch Spaß daran, das eigene Buch zu präsentieren und zu vermarkten.
Autor:in zu sein bedeutet heute eben nicht mehr ausschließlich, allein am Schreibtisch zu sitzen und Texte zu schreiben. Spätestens mit der Veröffentlichung kommen Interviews, Veranstaltungen, Lesungen oder Social Media dazu.
Niemand muss dafür zur Rampensau werden. Aber die Bereitschaft, für das eigene Buch einzustehen und darüber zu sprechen, ist aus meiner Sicht enorm hilfreich.
Gibt es Genres oder Themen, nach denen Verlage aktuell besonders suchen?
Was mir momentan häufiger begegnet, sind Geschichten mit starken, ungewöhnlichen Frauenfiguren im Mittelpunkt – Frauen, die Abenteuer erleben, sich klassischen Erwartungen entziehen oder auf irgendeine Weise ein bisschen „weird“ im Verhältnis zu ihrer Umgebung und zur Gesellschaft sind.
Grundsätzlich würde ich Autor:innen aber nie empfehlen, ausschließlich für einen aktuellen Trend zu schreiben. Bis ein Buch fertig geschrieben, vermittelt und veröffentlicht ist, kann sich der Markt längst wieder weitergedreht haben. Viel wichtiger ist eine starke Geschichte mit einer eigenen Perspektive.

© Pixabay
Welche Rolle spielen Persönlichkeit und Außenwirkung von Autor heutzutage?
Eine ziemlich große.
Leser:innen interessieren sich heute häufig nicht nur für ein einzelnes Buch, sondern auch für die Person dahinter. Sie folgen Autor:innen auf Instagram oder TikTok, sehen Interviews, begleiten Schreibprozesse und bekommen teilweise Einblicke in deren Alltag.
Dadurch entsteht eine Verbindung, die es früher in dieser Form kaum gab. Im besten Fall kauft jemand irgendwann nicht mehr ausschließlich ein Buch wegen seiner Geschichte, sondern auch deshalb, weil er oder sie die Autorin oder den Autor bereits kennt und gerne begleitet.
Natürlich muss niemand sein komplettes Privatleben öffentlich machen. Aber Persönlichkeit zeigen zu können, ist heute definitiv ein Vorteil.
Was unterscheidet ein gutes Manuskript von einem wirklich außergewöhnlichen?
Für mich vor allem Sprache und Stil – und vielleicht auch der Mut, an der einen oder anderen Stelle etwas zu wagen.
Ein gutes Manuskript kann handwerklich hervorragend funktionieren. Bei einem außergewöhnlichen Manuskript habe ich dagegen häufig das Gefühl, dass ich genau diese Geschichte in genau dieser Form noch nicht gelesen habe.
Das kann eine besondere Sprache sein, eine ungewöhnliche Perspektive, eine eigenwillige Figur oder auch ein erzählerisches Experiment. Irgendetwas muss mich überraschen und im besten Fall noch beschäftigen, nachdem ich den Text längst zur Seite gelegt habe.
Welche Tipps würdest du Menschen geben, die von einer Veröffentlichung träumen?
Schreiben, schreiben, schreiben.
Und irgendwann muss man den Punkt erreichen, an dem man den eigenen Text loslässt und anderen Menschen zeigt. Dann würde ich mit einem möglichst gut vorbereiteten Projekt auf Literaturagenturen zugehen.
Und ganz wichtig: Absagen wegstecken. Sie gehören zu diesem Geschäft dazu. Fast jede Autor:in bekommt sie – auch Menschen, deren Bücher später sehr erfolgreich werden.
Eine Absage bedeutet nicht automatisch, dass ein Text schlecht ist. Manchmal passt ein Projekt nicht zum Programm, manchmal nicht zum richtigen Zeitpunkt und manchmal eben nicht zur Person, die es gerade liest.
Also: weiterschreiben, besser werden, sich nicht komplett beirren lassen und es erneut versuchen.
Wie erreicht man dich beziehungsweise wann macht eine Anfrage an eine Literaturagentur überhaupt Sinn?
Alle Informationen zu meinem Bewerbungsprozess und dazu, welche Projekte ich aktuell suche, stehen auf meiner Website unter www.literaturagentur-becker.de.
Grundsätzlich macht eine Bewerbung aus meiner Sicht dann Sinn, wenn das eigene Projekt bereits so weit entwickelt ist, dass man es jemand anderem professionell präsentieren kann. Dazu gehören in der Regel ein Exposé, eine aussagekräftige Leseprobe und eine klare Vorstellung davon, was für ein Buch man eigentlich geschrieben hat.







