Bookstagram kann Sehnsuchtsort sein: volle Regale, neue Welten, Austausch mit Menschen, die dieselbe Buchliebe teilen. Gleichzeitig wächst mit jeder Rezension und jedem Trend der Druck, immer mehr zu lesen, schneller zu reagieren und dabei möglichst perfekt zu wirken. Was als Hobby beginnt, kann sich plötzlich nach Pflicht anfühlen.
Josey Ongsiek kennt beide Seiten dieser Community. Sie liebt Bücher, entdeckt Autorinnen neu und setzt sich zugleich kritisch mit Rezensionsexemplaren, Deadlines und Buchkonsum auseinander. Im Interview wird klar, warum sie Bücher bewusst abbricht, weshalb Consent und persönliche Grenzen für sie wichtig sind und warum Bookstagram nur dann gesund bleibt, wenn die eigene Grundmotivation nicht verloren geht.
Interview mit Josey Ongsiek
Wann hast du angefangen zu lesen und wann wurde daraus mehr als nur ein Hobby?
Ich habe tatsächlich bereits unglaublich früh angefangen zu lesen – oder die Gutenachtgeschichten, wie ich sie gehört habe, auswendig wiederzugeben. Bis ungefähr 19 ging mein komplettes Taschengeld für Bücher drauf und ich habe zusätzlich noch viele ausgeliehen.
Weil ich fürs Studium einfach sehr viel lesen musste, hatte ich zu der Zeit eine kleine Lesepause und habe dann 2018/2019 wieder mit dem Lesen begonnen. 2023 habe ich dann von Bookstagram erfahren und dachte mir, das ist der Ort, an dem ich mich auch über Bücher austauschen möchte!
Gibt es ein Buch, das dich besonders geprägt hat oder dich „in die Bücherwelt gezogen“ hat?
Zurück in die Buchwelt hat mich die Hexenschwestern Reihe von Marah Woolf. Die war dann auch ausschlaggebend für meinen Start bei Bookstagram.
Wie wählst du deine Bücher aus – eher spontan wegen Cover, Klappentext oder Empfehlungen?
Ich schaue mir jeden Titel, der mich in der Programmvorschau anspricht, sehr genau an. Mittlerweile lese ich einfach sehr viele Neuerscheinungen und dann geht es nicht nur um das Cover, sondern vor allem darum, ob mich Klappentext, Leseprobe oder manchmal auch die Autorin überzeugen können.
Welche Genres oder Themen ziehen dich immer wieder an? Gibt es auch Dinge, die du bewusst meidest?
Ich bin erstmal recht offen für alle möglichen Themen. Aufgrund meiner eigenen chronischen Krankheit vermeide ich jedoch Bücher, die sich den Tod oder Leidensweg der Protagonist*innen dorthin drehen (das geht mir persönlich zu nahe. Im Dark Romance Bereich achte ich unglaublich genau auf Consent und ob Schmerzen keine Rolle spielen.
Josey Ongsiek hält ihre Motivation fest
Liest du jedes Buch bis zum Ende oder brichst du auch mal eines ab? Wenn ja, wann entscheidest du das?
Ich finde es unglaublich wichtig, Bücher, die einem nicht gefallen abzubrechen. Aus meiner Sicht macht es wenig Sinn, sich quasi durch ein Buch zu quälen, nur um am Ende in einer Leseflaute zu landen, weil man das Lesen nicht genossen hat.
Ich starte meist unvoreingenommen in ein Buch, oft sogar ohne den Klappentext nochmal zu lesen. Bestenfalls holt es mich direkt ab und ich kann in die Geschichte eintauchen.
Wenn das nicht funktioniert, dann wird es für das Buch direkt schwieriger, mich zu überzeugen.
Generell achte ich auf den Schreibstil, Kapitellänge, Charaktere. Wenn ein Buch mich nach 100-150 Seiten (kann nach Länge des Buches auch mal variieren) noch immer nicht abgeholt hat, dann breche ich es meistens ab.
Welche Autor:innen hast du zuletzt neu entdeckt und was begeistert dich an ihnen?
Heather G. Harris und Arin Wolf.
Heather habe ich tatsächlich wieder entdeckt. Die ersten beiden Bücher einer ihrer Reihen hatte ich bereits gelesen, in Deutschland wurden sie dann jedoch nicht weiter verlegt. Auf einem Event hab ich sie getroffen und wir haben uns lange darüber unterhalten.
Im Nachgang hat sie mir ihre Bücher zugesendet und ich war wieder absolut in der Welt von Glimmer gefangen. Ihre Bücher kann man quasi bingen wie eine Detective Serie. Man bekommt einfach nie genug!
Von Arin schwärme ich jetzt tatsächlich immer wieder. Sie ist vor knapp 2 Jahren nur mit einem groben Klappentext ihres Debuts an mich herangetreten und hatte mich gefragt, ob ich Lust hätte das Buch zu rezensieren. Ich war damals so begeistert, dass ich spontan zugesagt habe und seitdem liebe ich ihre komplexe Romantasy Reihe Erea.
Die Reihe ist so criminally underrated aber Arin überzeugt ohne riesiges Marketingbudget und Hypes mit den Inhalten ihrer Bücher. Außerdem ist sie so offen für Diskussionen zu ihren Büchern. Weil ich die Reihe immer direkt zum ET lese liegt meist viel Zeit zwischen den Büchern und nicht immer steige ich direkt in die Komplexität wieder ein.
Das darf ich ihr dann aber auch genauso sagen und anstatt sich angegriffen zu fühlen gibt es mittlerweile ein Was bisher geschah.
Wie hat Bookstagram deine eigenen Lesegewohnheiten verändert?
Sehr stark, da mit wachsender Reichweite die Möglichkeiten auf Rezensionsexemplare steigen und ich mich am Anfang mit den Anfragen z.B. übernommen habe. Auf einmal hatte ich viel zu viele Bücher Zuhause, die ich neben meinem privaten SuB lesen musste.
Das Wort ist hier bewusst gewählt, denn wenn man ein Buch anfragt und erhält, geht damit immer eine Frist einher. Das setzt natürlich Deadlines und diese steigern den Druck.
Außerdem bin ich noch immer nicht an dem Punkt, dass ich Trends wiederstehen kann. Ich setze mich gerade intensiv und auch sehr reflektierend mit dem Thema (Über-)konsum von Büchern auseinander und merke, dass wir quasi in einer Fast-Fashion-(Buch)-Welt gelandet sind.
Wenn dann noch der Druck durch Social Media und die Veränderung des Aufmerksamkeitsspannenfokusses dazu kommen, merke ich, dass auch bei mir der Druck zu performen steigt, obwohl es ja eigentlich noch immer ein Hobby ist.
Was überzeugt dich, ein Buch aktiv weiterzuempfehlen oder darüber Content zu machen?
Im Grunde bin ich „verpflichtet“ zu jedem Buch eine Rezension einzureichen – negativ, wie auch positiv. Auch meine negative Rezension kann dazu führen, dass das Buch von anderen gekauft wird.
Wenn mich ein Buch so richtig begeistert (Das ist nichts, was ich fest machen kann, eher ein Gefühl, eine Begeisterung, die das Buch in mir auslösen muss.), dann kommt es aber vor, dass ich nicht mehr aufhöre darüber zu reden und zusätzlich in Stories oder auch Reels von der Geschichte berichte – persönlich wird dann einfach jede*r vollgespamt mit Nachrichten oder auch in Person.
Welche Tipps würdest du angehenden Bookstagrammer:innen geben?
Führe dir immer wieder vor Augen, wieso du das machst. Möchtest du Bücher kostenlos erhalten, andere Bookies treffen oder einfach Reichweite auf Social Media bekommen? Bookstagram kann so schnell ausbrennen und Social Media konfrontiert uns mit so viel Perfektionismus, dass es wichtig ist, an seiner Grundmotivation festzuhalten.
Mehr von Josey gibt es auf Instagram mit ehrlichen Buchmomenten, Romantasy Liebe und klaren Gedanken zur Bookstagram Welt.








